HINWEIS: Call for Papers: Das Unbehagen in der Kunst Antisemitismus und Kunst nach dem 7. Oktober
Psychologie & Gesellschaftskritik /// Heftverantwortliche: Tatiana Kai-Browne, Eduard Freudmann, Ayline Heller:
In unserem Themenheft interessieren wir uns für die Verbindung von Antisemitismus und Kunst. Konkret wollen wir uns den Fragen widmen, worin die psychodynamische Anziehungskraft des Antisemitismus in der Kunst besteht und wie sich die Kunst und das Kunstfeld seit dem 7. Oktober entwickelt haben.
Beim Antisemitismus handelt es sich der psychoanalytischen Sozialpsychologie zufolge um eine Projektion des negativen, triebunterdrückenden Anteils des Über-Ichs. Er stellt ein Entlastungsangebot dar, den Abgleich mit der Realität (Realitätsprüfung) und verinnerlichte Regeln und Normen auszulagern. Traumähnlich assoziativ kann sodann in Übermut und im Glauben an Widerstand gegen eine vermeintliche Obrigkeit, gegen die Elite und das Etablierte, eine neue, bessere Welt phantasiert werden. So kann vermeintlich progressiv-emanzipatorisch die Seite der Unterdrückten ergriffen werden. In Worten und Taten besteht die Widerstands- und Erlösungseuphorie jedoch aus verbaler und physischer Gewalt gegen Juden_Jüdinnen und Zionist_innen.
Nach einer besseren Welt zu streben, ist eines der zentralen Anliegen der Kunst. Auffällig ist, dass dabei immer wieder eine Vermengung mit Antisemitismus zu beobachten ist, der in seiner Vielgestaltigkeit und seinen jeweils zeittypischen Formen bedient wird. Antijudaistische Tropen prägten den künstlerischen Ausdruck bis zur frühen Neuzeit, völkisch-antisemitische Motive finden sich seit der Vormoderne und der Moderne, Israelfeindschaft ist die dominante Form in der postmodernen, politisierten Kunstlandschaft, mit der wir es seit den 1960er- und 70er-Jahren zu tun haben. Partei gegen den jüdischen Staat zu ergreifen, gehört in der Kunstwelt zum guten Ton. Dass der Antisemitismus im Antizionismus enthalten ist wie das Gewitter in der Wolke, wird fast ausschließlich im postnazistischen Raum thematisiert, die internationale Kunstwelt begegnet der Analyse mit Unverständnis und Abwehr – wie die Kontroversen um die documenta 15 veranschaulichten. Seit den Massakern des 7. Oktobers 2023 hat die Verbindung zwischen Kunst und Antisemitismus eine neue Dimension erreicht.
In Galerien und Museen, auf Kunsthochschulen und in den Social Media Accounts von Künstler*innen und Kurator*innen sind Wassermelonen, Hamas-Dreiecke und antiisraelische Slogans omnipräsent. Die Solidarität mit den vermeintlich Unterdrückten wird als Radical Chic zur Schau gestellt, die kritische Hinterfragung des zerstörerischen und regressiven Gehalts ihrer vorherrschenden Ideologien wird abgelehnt.
Dieser psychodynamischen Gemengelage widmet sich das Themenheft. Beiträge könnten sich dabei unter anderem folgenden Fragestellungen widmen:
● Worin besteht die Anziehungskraft antisemitischer Tendenzen in der Kunst? Welche Psychodynamiken liegen dem zugrunde?
● Welche Emotionen und unterdrückte Bedürfnisse bzw. Triebregungen werden bei der Produktion und Rezeption von antisemitischer Kunst angesprochen?
● Kann Kunst (israelbezogenen) Antisemitismus kritisch bearbeiten? Wie kann das gelingen, welche Beispiele finden sich und was zeichnet diese aus?
● Warum tritt der (israelbezogene) Antisemitismus in der Kunst(welt) besonders offensichtlich zutage?
● In welchem Wirkungsverhältnis stehen Produktion und Rezeption antisemitischer Kunst einerseits und gesellschaftliche antisemitische Dynamiken andererseits?
● Wie entfaltet antisemitische Kunst ihre Wirkmächtigkeit? Was ist das Verhältnis von antisemitischer Kunst und antisemitischer Tat?Lässt sich eine Verbindung von der Entwicklung von antijudaistischen Bildern über Darstellungen des modernen Antisemitismus bis zum künstlerischen Ausdruck des israelbezogenen Antisemitismus erkennen? Was hat sich verändert, was zeigt Kontinuität?
Psychologie & Gesellschaftskritik lädt ein, Beiträge für das Themenheft einzureichen. Beiträge können sich diesen und ähnlichen Fragestellungen sowohl auf theoretischer Ebene als auch bspw. in Form von Interpretationen der (Wirkweise) einzelner Kunstwerke annähern. Bitte senden Sie uns ein 1-2-seitiges Abstract zu Ihrem Beitrag bis zum 17. Juli an die Mailadresse kontakt[a]pug-info.de. Die Frist für die Beiträge (42.000 Zeichen, angepasst an die Manuskriptrichtlinien der Psychologie und Gesellschaftskritik) ist der 30. September.
Heftverantwortliche: Tatiana Kai-Browne, Eduard Freudmann, Ayline Heller