Theodor Kramer Gesellschaft

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Vieler Sterne Geist - Moderne jiddische Lyrik

Eine Auswahl in Nachdichtungen von Marek und Lorenz Scherlag und Alfons Petzold

Mit einem Vorwort von Samuel Meisels

Mitten im Ersten Weltkrieg sammeln der Arbeiterdichter Alfons Petzold und der zionistische Publizist und Lyriker Marek Scherlag jiddische Dichter aus Russland, Polen, Österreich-Ungarn und den USA für eine deutschsprachige Anthologie. Das lange verschollene Manuskript bleibt unveröffentlicht und kehrt erst Jahrzehnte später aus Israel nach Wien zurück. "Moderne jiddische Lyrik" stellt eine noch sehr junge Literatur vor, voller Verzweiflung über das jüdische Massenelend und voller Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Licht.

Geplanter Erscheinungstermin 1917 im Anzengruber-Verlag, Wien
Herausgegeben 2017 im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft von Evelyn Adunka, Judith Aistleitner und Alexander Emanuely

Mit Gedichten von Chaim Nachmann Bialik, Gerson Braudo, Meier Chartiner, Dawid Einhorn, Simon Frug, Schmuel Jakob Imber, Jehoasch, Michael Kaplan, Berl Lapin, Lijesin, Nistor, Hirsch David Nomberg, Jizchok Leib Perez, Abraham Reisen, Morris Rosenfeld, S. Schni, M. Wintschewski, M. Wirth

 

Kurzbiografien

Chaim Nachman Bialik
9. Januar 1873, Radi, Russland – 4. Juli 1934, Wien.

Noch während seines Studiums in der Yeshiva von Volozhin schrieb er 1890 seine ersten Gedichte und las Texte von S. Frug. Er wurde politisch aktiv und Mitglied der Chovevei Zion (Zionsliebe). Er zog 1891 nach Odessa, wo er Anschluss an Dichter wie Moshe Leib Lilienblum fand, der ebenfalls Mitglied der Chovevei Zion war, und seine ersten Gedichte auf Hebräisch veröffentlichte. Ab 1899 schrieb er auf Jiddisch. Um 1900 war er als Lyriker am produktivsten. 1903 erschien nach dem antisemitischen Pogrom in Kishinev sein Gedicht „In der Stadt des Tötens“. Bald schrieb er auch Lieder, Kurzgeschichten, Literaturkritiken und arbeitete als Übersetzter ins Hebräische (Shakespeare, Schiller, Cervantes, Heine). Er lebte bis 1921 in Odessa und konnte dank der Intervention Maxim Gorkis mit Familie und Freunden die Sowjetunion verlassen. Er lebte eine Zeit lang in Berlin, wo seine jiddischen Gedichte erschienen. 1924 zog er nach Tel Aviv. Er unternahm viele Reisen und wurde einer der wichtigsten Vertreter der modernen hebräischen Literatur. Schwer erkrankt, starb Bialik nach einer Operation in Wien. Seine Gedichte wurden von dem Wiener Zionisten und Bibliothekar der Israelitischen Kultusgemeinde Ernst Müller ins Deutsche übersetzt. Viktor Kellner, der Direktor des Wiener Chajesgymnasiums, übersetzte die Essays ins Deutsche.

Gerson Braudo, Brojde (vermutlich Gerson oder Gershom Bader)
1868, Krakau, Österreich-Ungarn – 1953, New York.

Es konnte kein Dichter namens Gerson Brojde oder Braudo ausfindig gemacht werden. Ob es sich hier um eine weitere eigenwillige Transkription der beiden Übersetzer handelt und eigentlich Gerson Bader gemeint ist, war bei der Endredaktion noch offen. Bei Gerson Bader handelte es sich um einen bedeutenden Autor und Herausgeber jiddischer Literatur in der k.u.k. Monarchie. Er lebte ab 1894 in Lemberg und brachte von 1896 bis 1912 „Der yidisher folkskalenda“ heraus. In den folgenden Jahren war er Herausgeber hebräischer Zeitschriften („Ha-‘Ivri“ und „Ha-‘Et“). In Lemberg brachte er 1904 die erste jiddische Tageszeitung des Landes, das „Togblat“, heraus. Neben Nathan Birnbaum gilt er als einer der Initiatoren der „Konferenz für die jiddische Sprache“ 1908 in Czernowitz. 1912 wanderte er in die USA aus, wo er ein bekannter Buch- und Bühnenautor wurde.

Meier Chartiner (Meir, Mayer Chartiner)
1880, Österreich-Ungarn – 1972, Israel.

Über diesen Dichter und Autor ist nur wenig bekannt. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er auch Übersetzer (H.v. Kleist) und Zeitungsherausgeber. 1919 gab er in Lemberg die hebräische Jugendzeitschrift „Karmenn“ heraus. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er in Wien als Journalist und Übersetzer. Vor 1936 wanderte er nach Palästina aus, wo er bis 1950 Mitherausgeber der zionistischen Wochenzeitschrift „HaOlam“ war. „HaOlam“ war 1907 in Köln als hebräisches Pendant zu „Die Welt“ gegründet worden und erschien seit 1936 in Jerusalem.

Dawid Einhorn (David, Dovid Eynhorn)
2. März 1886, Karelitschy, Russland – 3. Februar 1973, New York.

Dawid Einhorns Vater war Militärarzt und Rabbiner. Während seines Studiums in einer Yeshiwa in Wilna schrieb er mit 13 seine ersten Gedichte. Bald schloss er sich revolutionären Bewegungen an und veröffentlichte jiddische Gedichte in der bundistischen Zeitschrift „Arbeter-shtime“. 1909 kam sein erster Gedichtband „Shtile gezangen“ in Wilna heraus. Er begann rasch, in freien Versen zu schreiben und setzte mit seinem 1912 erschienenen Gedichtband „Mayne lider“ einen Meilenstein in der modernen jiddischen Lyrik. Nach seiner Verhaftung 1912 wegen revolutionärer Umtriebe flüchtete er nach Frankreich und zog dann in die Schweiz. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte er in Warschau und Berlin. Es erschienen Gedichtsammlungen in Deutschland und der Sowjetunion. 1952 erschienen in New York seine gesammelten Gedichte (1904-1941). Er arbeitete als Literaturkritiker und Übersetzer (Victor Hugo). Von 1924 bis 1940 lebte er in Paris und konnte noch rechtzeitig nach New York flüchten. In den USA schrieb er unter den Pseudonymen Monokarmus, A. Lezer, Akher, Shigyon le-Dovid Gedichte. Er schrieb ebenfalls Artikel, meist für die Zeitschrift „Forverts“.

S. Frug (Simon oder Shimen Shmuel Frug)
15. November 1860, Bobrowy Kut, Russland – 22. September 1916, Petrograd oder Odessa, Russland.

Simon Frug wurde in einer jüdischen Bauernkolonie geboren, die der Staat ehemaligen jüdischen Soldaten zur Verfügung gestellt hatte. Er schrieb Balladen, Satiren, Gedichte, Lieder auf Russisch, Hebräisch und Jiddisch. Er publizierte 1880 seine ersten Gedichte in der russischsprachigen jüdischen Zeitschrift „Razsvet“. Nach den Pogromen von 1881 und 1882 wurde er Zionist. 1885 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband auf Jiddisch. Er beschrieb das Leben im Elend der Stetln und war einer der Pioniere der jiddischen Lyrik. Viele seiner Gedichte wurden vertont zu populären Liedern. Sein „Lied der Arbeit“ war eine seiner bekanntesten Arbeiten. Zu seinem Begräbnis in Odessa kamen hunderttausende Menschen.

S.V. Imber (Shmuel Yankev, Schmuel Jakob Imber)
24. Februar 1889, Sasow, Österreich-Ungarn – 1942.

Nach der Absolvierung des Gymnasiums in Tarnopol studierte er Literaturwissenschaften in Lemberg. 1909 erschien sein erster Gedichtband „woss ich sing un sog“. 1912 reiste er nach Palästina und schrieb seine „Zionslieder“ (hejm-lider). Im Ersten Weltkrieg war er Soldat und zog 1918 nach Wien. Er gab die Zeitschrift „najland“ heraus, in der auch Texte von Oscar Wilde oder Rabindranath Tagore erschienen. „najland“ war auch ein Verlag. Er übersetzte Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ und Gedichte Heinrich Heines ins Jiddische. 1921 zog er in die USA, 1925 nach Lemberg, dann nach Krakau. 1934 erschien in Warschau seine polnische Oscar Wilde-Übersetzung. Er war der Neffe von Naftali-Herz Imber, dem Autor des Textes der „Hathikvah“, der israelischen Nationalhymne. Er wurde 1942 von den Nazis oder deren ukrainischen Verbündeten ermordet.

Jehoasch (Yehoash, Pseudonym von Salomo Blumgarten, Solomon Bloomgarden)
16. September 1872, Virbalis, Kongresspolen – 10. Jänner 1927, New York.

1890 wanderte er in die USA aus. Zuerst lebte er als Geschäftsmann in New York bis 1900. Nachdem er an Tuberkulose erkrankt war, widmete er sich ausschließlich dem Schreiben, hauptsächlich auf Jiddisch, mitunter auch auf Englisch. Er schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Essays und Fabeln und publizierte u.a. in „Di Tsukunft“ und „Forverts“. Seine Arbeiten wurden in viele Sprachen übersetzt. 1914 reiste er nach Palästina und schrieb eine umfangreiche Reiseerzählung. Er übersetzte viel, darunter auch Henry Wadsworth Longfellows „The Song of Hiawatha“ und diverse religiöse Schriften, so die Bibel oder den Koran. In den USA galt er in den 1920er-Jahren als der bedeutendste jiddische Schriftsteller. In den Jahren vor seinem Tod war er Herausgeber der Zeitung „The Day“.

Michael Kaplan (Mitchell oder Mikhl Kaplan)
1881 oder 1882, Tschernobyl, Russland – 15. Oktober 1944, New York.

Er schrieb, nachdem er 1905 nach New York ausgewandert war, seine ersten jiddischen Gedichte und veröffentliche 1910 den Gedichtband „Ghetto Klangen“. 1912 versuchte er gemeinsam mit Berl Botvinik die jiddische Zeitschrift „Unzer shrift“ herauszugeben, welche die Besonderheit hatte, lateinische Schriftzeichen zu verwenden. 1936 schrieb er die Komödie „Liebes-tropen“. Mitchell Kaplan sammelte seltene jüdische Bücher. Nach seinem Tod erschienen seine gesammelten Schriften.

B. Lapin (Berl Lapin, Berl Bernardo Lapin)
1889, Grodno, Russland – 1952, New York.

Sein erster Gedichtband „Umetige Vegn“ erschien 1910 in Wilna, wo er Assistent des jiddischen Schriftstellers Chaim Schitlowsky war. Zwischen 1905 und 1917 lebte er für mehrere Jahre in Argentinien, Chile und den USA. 1917 zog er endgültig nach New York, wo er Mitglied der linken jiddischen LiteratInnen-Gruppe „Di Yunge“ war. Er übersetzte Shakespeares Sonette, russische und US-amerikanische Lyrik ins Jiddische. 1934 erschien der Gedichtband „Tseykhns lider un poemen“, 1940 „Naye lider“ und 1950 der Gedichtband „Der Fuler Krug. Lider-zamlung, 1908-1950“.

Lijesin (Abraham Liessin, Pseudonym von Abraham Walt)
19. Mai 1872, Minsk, Russland – 5. November 1938, New York.

Er kam aus einer religiösen Familie, wurde jedoch in seiner Jugend Sozialist und Bundist. 1897 erschien in Minsk sein erster Gedichtband „Moderne Lider“. Im selben Jahr musste er wegen politischer Agitation Russland verlassen und lebte seitdem in New York. Er arbeitete bald für die Zeitung „Forverts“ und war ab 1913 für 15 Jahre Herausgeber der jiddischen Kulturzeitschrift „Di Tsukunft“. In New York gehörte er zu den zentralen Persönlichkeiten der jiddischen Literatur, seine Wohnung wurde zu einem wichtigen Begegnungsort für jiddische AutorInnen. 1938 erschienen in New York seine gesammelten Werke in drei Bänden, illustriert von Marc Chagall. 1954 wurde posthum seine Erinnerungsprosa unter dem Titel „Zikhroynes un Bilder“ publiziert.

Samuel Meisels
9. Dezember 1877, Przemysl, Österreich-Ungarn – 5. Juni 1942 Ghetto Izbica, Generalgouvernement.

Meisels erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung und arbeitete 1896/97 für das jiddische „Lemberger Vokhenblat“. Von 1903 bis 1914 war er Redakteur des „Hamburger Israelitischen Familienblatts“. In diese Zeit fallen auch die Veröffentlichungen „Der Friedensgedanke im Judenthume“, der Zeitroman „Der Talmud als Betrüger“ und „Westöstliche Miszellen“, auch übersetzte er zwei Romane von Sholem Alejchem aus dem Jiddischen. 1922 erschien ebenfalls seine Aufsatzreihe „Deutsche Klassiker im Ghetto“. Nach seiner Übersiedlung nach Wien arbeitete er ab 1918 als Redakteur der 1920 eingestellten Zeitschrift „Dr. Blochs Wochenschrift“. Danach lebte er als freier Schriftsteller. Er war Mitarbeiter des „Jüdischen Lexikons“, publizierte in den Zeitschriften „Ost und West“ und „Allgemeine Zeitung des Judentums“. 1920 publizierte er im Berliner „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur“ das Schauspiel „Kaddisch“. Seine letzten größeren Veröffentlichungen waren „Klassiker der Weltliteratur im jüdischhebräischen Kulturkreise“ sowie „Goethe im Ghetto. Kleine Beiträge zu einem großen Thema“. 1938 erblindete Meisels und lebte im Israelitischen Blindeninstitut auf der Hohen Warte. Seine zweite Frau Ettel, geborene Rappaport, wurde 1941 in das Ghetto Łódź/Litzmannstadt deportiert und wie ihr 15-jähriger Sohn Leo in Treblinka ermordet. Irma Rubel, eine seiner Töchter, lebte nach 1945 in Tel Aviv und übermittelte Yad Vashem Informationen über das Schicksal der Familie. Eine seit 2006 in Yad Vashem dokumentierte Page of Testimony gibt an, dass Meisels am 5. Juni 1942 im Ghetto Izbica ermordet wurde.

Nistor (Der Nistor, der Nister, Pseudonym für Pinchas Kahanowitsch)
1. November 1884, Berditschew, Russland – 4. Juni 1950, Sowjetunion (genauer Ort unbekannt).

Er wurde früh zum Zionisten und arbeitete ab 1905 als Lehrer. Seine ersten, auf Hebräisch geschriebenen Gedichte wurden nicht publiziert. 1907 erschien in Wilna sein erstes Buch „Gedankn und motiwn – lider in prose“ unter dem Pseudonym „Der Nistor“ (jiddisch: Der Verborgene). Er wurde von L. Perez gefördert, der 1910 „Hecher fun der erd“ publizierte. Bis 1920 publizierte Der Nistor Gedichte, Prosa, Essays und lebte in Kiew. Dann zog er nach Moskau, wo er in der Siedlung für jüdische Waisenkinder im Vorort Malachowka unterrichtete. Der Zeichenlehrer dieser Siedlung war Marc Chagall, der 1918 Nistors Kindergeschichten-Sammlung „Majßelech in fersn“ illustrierte. 1922 zog der Dichter nach Berlin, wo er für jiddische Zeitschriften arbeitete, dann nach Hamburg. 1926 kehrte er in die Sowjetunion zurück und lebte als Schriftsteller in Charkow. Seine Arbeiten wurden als zu „symbolistisch“ kritisiert, so durfte er ab 1934 nur noch „realistisch“ schreiben. In Folge arbeitete er als Übersetzer und Journalist und schrieb an seinem Familienepos „Di mishpokhe Mashber“, das 1990 in einer deutschen Übersetzung von Hans-Joachim Maass erschien. Während des Zweiten Weltkrieges war er Mitglied des „Jüdischen Antifaschistischen Komitees“. Seine Arbeiten erschienen auch in den USA. 1947 wurde er in den jüdischen Autonomen Oblast Birobidschan verbannt. Dort wurde er während der antisemitischen Verfolgung von 1950 verhaftet. Er starb kurz darauf in einem Gefängnisspital, Ort unbekannt.

H.D. Nomberg (Hersh Dovid, Hirsch David Nomberg)
14. April 1876, Mszczonów, Kongresspolen – 21. November 1927, Otwock, Polen.

Mit 21 zog er nach Warschau, wo er als Hebräisch-Lehrer, Übersetzer und Literaturvermittler arbeitete. Er wurde von Y.L. Peretz gefördert und publizierte ab 1900 seine ersten Gedichte, Dramen und Kurzgeschichten. 1905 erschien seine Erzählung „Fliglman“. Er reiste nach Frankreich und in die Schweiz, 1911 in die USA. Nach dem Tod von Y.L. Peretz wurde er die zentrale Figur der jiddischen Literatur in Warschau. 1916 war er Mitbegründer der Warschauer Sektion der „yidishen folkspartei“, für die er von 1919 bis 1920 als Abgeordneter in der Polnischen Verfassunggebenden Nationalversammlung (Sejm Ustawodawczy) saß. Als eine Art Botschafter des Jiddischen unternahm er Reisen nach Westeuropa, in die USA, nach Argentinien, in die Sowjetunion, nach Palästina. Auch übersetzte er ins Jiddische, so Shakespeare oder Gerhart Hauptmann. Zu seinem Begräbnis kamen Tausende. In der Pariser „Maison de la Culture Yiddish“ gibt es seit 1928 dem Dichter zum Gedenken die „Nomberg Bibliothek“.

L. Perez (Jizchok Leib, Yitskhok Leybush oder Y.L. Peretz, Icchok Lejbusz Perec)
18. Mai 1852, Zamość, Kongresspolen - 3. April 1915, Warschau, Kongresspolen.

Nach einem Studium in Warschau ließ er sich 1877 als Anwalt in Zamość nieder und engagierte sich in der Arbeiterbildung. Er war der Schwiegersohn des Dichters Gavriel Yehudah Lichtenfeld, dessen Gedichte er herausgab. 1889 wurde ihm wegen seiner politischen Tätigkeit die Zulassung als Anwalt entzogen, 1899 kam er sogar für einige Monate ins Gefängnis. 1891 gründete er die „Di yidishe bibliothek“ und in den folgenden Jahren gab er mehrere Zeitschriften in jiddischer Sprache heraus. Er schrieb Gedichte und Dramen. Seine Wohnung in Warschau war Treffpunkt für SchriftstellerInnen und Intellektuelle. Neben Mendele Moicher Sforim und Sholem Alejchem gilt er als einer der Begründer der modernen jiddischen Literatur. Er war ein Gegner des Hebräischen als neuer Sprache und des Zionismus und sah die Zukunft des Judentums im Jiddischen und in der Diaspora. Zu seinem Begräbnis kamen hunderttausende Menschen.

Abraham Reisen (Avrom Reyzen)
10. April 1876, Koidanowo bei Minsk, Russland – 31. März 1953 in New York.

Sein erstes Gedicht, „A kapore der noz abi a goldener zeyger mit 300 rubl adn“, publizierte er mit 15 im ersten Band von Yankev Dinezons und Y.L. Peretz‘ „Di yidishe bibliothek“, erschienen in Wilna. Von 1895 bis 1899 war er in der russischen Armee als Musiker tätig. Damals wurde er Bundist. 1902 war er Mitbegründer des Verlagshauses „Tsentral“ in Warschau, 1910 folgte die Zeitschrift „Eyropeyische literatur“. 1911 zog er nach New York, wo er in jiddischen Zeitschriften publizierte, darunter in der kommunistischen „Frayhayt“. Neben Gedichten, von denen viele zu Volksliedern vertont wurden, verfasste er auch Kurzgeschichten. 1929 und 1935 erschien seine Autobiografie „Epizodn fun mayn lebn“. Der Dichter galt als Vorkämpfer des Jiddischen als Nationalsprache. Er schrieb Lyrik, Prosa, Kinderliteratur, Theaterstücke.

Morris Rosenfeld (eigentlich Moshe Jacob Alter)
28. Dezember 1862, Stare Boksze, Russland – 22. Juni 1923, New York.

Morris Rosenfeld ging in Stare Boksze und in Warschau zur Schule und arbeitete anschließend als Schneider in London und Diamantenschleifer in Amsterdam, bevor er 1886 nach New York auswanderte. 1888 erschien sein erster Gedichtband „Di Gloke“ (Der Ring), gefolgt von „Dee Blomnkth“ (Trauerkranz). 1899 kam der Gedichtband „Songs from the Ghetto“ heraus, welcher 1902 in deutscher Übersetzung erschien. Sein Übersetzer war Berthold Feiwel, 1900/01 und 1906 Chefredakteur der Wiener zionistischen Zeitschrift „Die Welt“, später Mitbegründer des „Jüdischen Verlages“. Die polnische Übersetzung erschien 1903 in Wien. Die Gedichte handeln von den ausgebeuteten ArbeiterInnen, ihrem Elend und Widerstand sowie dem Exil der Juden und Jüdinnen. 1900 war Morris Rosenfeld Delegierter beim 4. Zionistenkongress in London, seitdem arbeitete er als Journalist und gab Vorlesungen an der Harvard University. 1904 war er Herausgeber der Wochenzeitschrift „Der Ashmeida“. Er schrieb ebenfalls Biografien, so von Heinrich Heine und Jehuda Halevi. Ab 1908 erschienen seine gesammelten Schriften in sechs Bänden. Die letzten Jahre seines Lebens schrieb er kaum noch und lebte in bitterer Armut. Zu seinem Begräbnis kamen jedoch mehrere tausend Menschen.

Lorenz Scherlag
Übersetzer 30.1.1881 Chorostkiw, Österreich-Ungarn – 1941, Lemberg, Generalgouvernement.

Er war der jüngere Bruder von Marek Scherlag und kam als Kind nach Wien, wo er Elektrotechnik und Maschinenbau studierte. Ab 1909 leitete er in Lemberg ein Ingenieurbüro. 1907 publizierte er seinen ersten Gedichtband „Sehnsucht“, 1913 erschien der Novellen-Band „Empfindsame Menschen“, 1924 der Roman „Turmbrand“ und 1932 der Roman „Menschen im Frühling“. Auch verfasste er ein Theaterstück, das 1932 ins Englische, mit dem Titel „Anna and Monica“, übersetzt wurde. Weiters hat er für die „Neue Freie Presse“ und andere Zeitungen geschrieben. 1923 gaben Marek und Lorenz Scherlag und Otto Hauser eine Anthologie moderner Lyrik Polens heraus, mit Gedichten von Adam Asnyk, Stanislaw Baracz, Edmund Bieder, Zdzilaw Debicki, Wiktor Gomulicki, Edwin Jedrkjewicz, Maria Kazecka, Boleslaw Makuszynski, Adam Lada, Max Landau, Jozef Ruffer, Artur Schröder, Leopold Staff, Julian Tuwin, Jozef Wittlin, Jerzy Zulawski u.a. - Er wurde 1941 in Lemberg von den Deutschen ermordet.

S. Schni (Zalman Shneur, Shneour, Salmen Schneier Zalmen Shnejer)
1886 oder 1887, Schklou, Russisches Kaiserreich – 20. Februar 1959, New York.

Er begeisterte sich schon als Jugendlicher für Hebräisch und die zionistische Bewegung und schloss sich früh der junghebräischen Autoren-Gruppe „Pleiade“ um Chaim Nachmann Bialik in Odessa an. Er lebte ab 1902 in Warschau, wo er Gedichte auf Hebräisch und Jiddisch veröffentlichte. 1906 verließ er Russland und reiste nach Paris, wo er an der Sorbonne Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften studierte. Zwischen 1908 und 1913 reiste er durch Europa und nach Nordafrika, studierte schließlich in der Schweiz. Seine Lyrik drehte sich bald um das Thema des jüdischen Exils. Kurz bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, studierte er in Berlin Medizin. 1914 zog er nach Odessa, 1923 nach Paris, wo er im „Forverts“ Kurzgeschichten auf Jiddisch publizierte. 1940 konnte er Frankreich in Richtung USA verlassen. 1949 wanderte er schließlich nach Israel aus. Er schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Romane auf Jiddisch und Hebräisch. Seine hebräischen Werke erschienen Ende der 1950er-Jahre in einer zehnbändigen Werkausgabe. Er erhielt in Israel mehrere bedeutende Literaturpreise. Er starb bei einem Arbeitsaufenthalt in New York.

M. Wintschewski (Morris Winchevsky, Pseudonym von Benzion Novakhovitsch)
9. August 1855, Jonava, Russisches Kaiserreich – 18.März 1932, New York.

Ab 1870 arbeitete er in Vilna als Bankangestellter. 1873 veröffentlichte er seine ersten Gedichte und Reportagen auf Hebräisch und verwendete die Pseudonyme „Ben Nets“ (Sohn des Falken) und „Yigal isch ha-Ru’ach“ (Yigal, der Mann des Geistes). Ab 1877 lebte er in Königsberg und las Ludwig Börne, dessen Schriften ihn politisch stark beeinflussten. Er wurde Sozialist und war deswegen 1878 vier Monate in Haft. Er zog nach London, wo er sich mit William Morris anfreundete, die „British Social Democratic Federation“ mitgründete und linke jiddische Publikationen herausgab, so die Zeitung „Dos Arbeiter Freint“ oder die Zeitschrift „Dos Poilishe Jidl“. In den 1880er-Jahren erschienen seine ersten jiddischen Gedichte. 1894 wanderte er in die USA aus. Nach dem Ersten Weltkrieg war er Delegierter des „Comité des délégations juives“ bei der Versailler Friedenskonferenz. Bis 1925 verbrachte er auch einige Monate in der Sowjetunion, wo er als „Zayde“, als „Großvater“ der jiddischen Arbeiterliteratur gefeiert wurde. In den USA schrieb er für verschiedene Zeitschriften, wie „Forverts“ oder „Di Tsukunft“. Kurz nachdem er 1927 schwer gelähmt war, erschien eine zehnbändige Werkausgabe.

M. Wirth (Yekhiel-Mikhl Virt (Virte, Michl Virt)
24. Januar 1877, Lemberg, Österreichisch-Ungarische Monarchie - 5. Oktober 1919, Wien.

Schon als Student an der juridischen Fakultät in Lemberg veröffentlichte er Gedichte und Erzählungen in verschiedenen galizischen Zeitschriften, darunter in Gerson Baders „Yidisher folks-kalendar“. Mit Bader gründete er 1904 auch die Zeitung „Togblat“. Sein Gedicht „Mirele“ fand großen Anklang und wird bis zum heutigen Tag immer wieder vertont. Er übersetzte Sholem Alejchem ins Polnische.