Theodor Kramer Gesellschaft

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Pest

Die Tragödie eines Wiener Arztes

Roman

Stefan Pollatschek wusste natürlich genau, welche Pest er meinte, nämlich den Antisemitismus. Dieser war im Ausgang des 19. Jahrhunderts zwar überall gegenwärtig, damit er aber zu seiner späteren wahnhaften Bösartigkeit gedieh, bedurfte es noch einige Jahrzehnte geduldiger Hetze. Liest man Pollatscheks Roman über das Vorspiel des später dann Eingetretenen, fühlt man sich vielfach nicht in die Jahrhundertwende, sondern in die Gegenwart versetzt.

 

Mit einem Vorwort von Ernst Waldinger und einem Nachwort von Alexander Emanuely.

 

Während die Pest bei Camus als Metapher wahlweise für das Böse, den Krieg und den Nationalsozialismus gelesen werden kann, gegen die Solidarität not tut, ist Pollatschek konkreter: Die Pest, das ist auch der Antisemitismus, der ihn 1938 aus Wien vertreiben sollte.

Klaus Taschwer, Der Standard, 29.12.2020

"Der österreichische Schriftsteller hat in dieser "Tragödie eines Wiener Arztes" ein lang zurückliegendes Unglück und dessen Instrumentalisierung durch Judenhasser in Presse und Politik aufgegriffen, die mit den antisemitischen Ausschreitungen nach der Besetzung Österreichs durch Nazideutschland im März 1938, nur wenige Wochen nach der Fertigstellung des Romans, traurige Aktualität gewann. Gegenwärtig mutet die Handlung auch heute an, angesichts der Verschwörungsfanatiker, die als selbsternannte Querdenker ihr Unwesen treiben.

Erich Hackl, Junge Welt, 03.12.2020

...der Antisemitismus, höchst infektiös: Als 1898 im AKH bei der Forschung mehrere Mitarbeiter an Pest erkrankten, unter ihnen der Arzt Hermann Franz Müller (Büste im Campus Altes AKH, Hof 9), hieß es bei Bürgermeister Lueger und seinen Leuten sofort: An der Pest seien die Juden schuld. „Meinst du denn wirklich, dass dieser Geist in unserer Zeit siegen kann?“ sagt ein Mediziner im Buch. Mit der Zeit hat das nichts zutun. Aber mit der Liebe. Ein Kollege hat die Antwort, die für vieles gilt: Am Tag, an dem man nicht mehr lieben kann, beginnt der Tod. Er richtet es sich häuslich im Inneren des Menschen ein und beginnt zu fressen. Er frisst zuerst Herz und Hirn.

Peter Pisa, Kurier, 22.11.2020