Theodor Kramer Gesellschaft

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Aufarbeitung des Nachlasses von Paula Arnold und Leon Kellner

 

2018 überließ, auf Vermittlung von Evelyn Adunka, Dan Arnold der Theodor Kramer Gesellschaft den Nachlass seiner Großmutter Paula Arnold. Dieser beinhaltete, neben Korrespondenzen und Unterlagen der israelischen Schriftstellerin und Übersetzerin, auch solche ihres Vaters Leon Kellner, ihrer Mutter Anna Kellner und ihrer Tochter Hannah Arnold.

Bereits 2015 hatte die Theodor Kramer Gesellschaft von Dan Arnold und seiner Schwester Daphna Amit, nach einem vom Jewish Welcome Service finanzierten Wien-Besuch, den Nachlass Teddy Arnolds erhalten. Die Geschwister hatten 2014 zwei Vorträge über Leon Kellner gehalten (Siehe Alexia Weiss' "Wiener Reminiszenzen" in "Wiener Zeitung" vom 28.11.2014).

100 Jahre österreichisch-jüdisch-israelischer Geistes- und Familiengeschichte taten sich beim vorsichtigen, ersten Sortieren der vielen hunderten Dokumente - unzählige Korrespondenzen Leon und Anna Kellners (darunter mit Felix Salten, Arthur Schnitzler, Thomas Mann), Paula, Hannah, Teddy Arnolds, sowie Manuskripte, Tagebücher in einem Umfang von ca. drei Laufmetern A4 Ordner -  auf.

Neben den Briefen sind es vor allem Dokumentationen und Manuskripte von Paula Arnold, Artikelsammlungen und ca. 20 Bündel mit Briefen, Postkarten und Dokumenten. Ein Viertel davon, ca. 200 Briefe, wurde in der Zeit zwischen 1938 und 1945 geschrieben. Die Korrespondenz zwischen Mutti/Kroteck Paula Arnold und „Hannele“ Hannah Arnold ist jedoch umfangreicher, da sie von 1933 bis 1968 reicht.

 

 

FördergeberInnen

 

Das Projekt zur Aufarbeitung des Nachlasses wurde vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, des Zukunftsfonds der Republik Österreichund der Stadt Wien, Kultur gefördert.

   

 

 

Zu den Unterlagen => Nachlassmaterialien, Paula Arnold / Leon Kellner

 

 

 

Biografisches

 

Leon Kellner (1859-1928), war einerseits einer der international renommiertesten AnglistInnen Wiens, andererseits einer der ersten Weggefährten Theodor Herzls.

Die in Tarnow, Galizien, geborene Leon Kellner verfolgte zuerst eine Ausbildung am "Jüdisch-Theologischen Seminar" in Breslau. Er unterbrach diese und machte Matura in Bielitz, wo er auch seine zukünftige Frau, Anna Weiss, kennen lernte. Nach Studien in Wien und England und 1887 einem Stipendium für das "British Museum" in London, wurde 1890 Lektur an der Universität Wien. 
Parallel dazu arbeitete er u.a. auch als Religionslehrer an der Stubenbastei und katalogisierte die Bibliothek der Israelistischen Kultusgemeinde. Leon Kellner war in den 1890er-Jahren einer der ersten Zionisten und Mitstreiter Theodor Herzls, sowie von Anfang an Redakteur von dessen Zeitschrift "Die Welt". Leon Kellner war einer der Pioniere der zionistischen Bewegung. Zwischen ihm und Herzl bestand eine tiefe Freundschaft.

Weiters stand er der aus Großbritannien kommenden Fabier-Bewegung nah und publizierte u.a. in der dieser linksliberalen Bewegung nahe stehenden Zeitschrift "Die Wage". Er engagierte sich ebenfalls in der Settlement-Bewegung. Von 1904 bis 1914 war er Professor an der Universität von Czernowitz. Er engagierte sich in der Politik und wurde Abgeordneter für die von ihm mitbegründete Partei "Volksrat der Juden" im Landtag der Bukowina. Nach dem Weltkrieg widmete er sich der Shakespear-Forschung, unterrichtete Englisch im Ottakringer Settlement und wurde Englischkorrespondent in der Präsidentschaftkanzlei. Den Bundespräsidenten Michael Hainisch kannte er noch aus der Fabier-Bewegung. Leon Kellner verfasste unzählige Bücher über englische und amerikanische Literatur. Viele der Publikationen erlangten eine große Popularität. Er reiste mehrfach in das Mandatsgebiet Palästina, wo er ein Grundstück erwarb.

Leon Kellner heiratete 1884 Anna Weiss (siehe Anna Kellner). Das Paar hatte zwei Töchter und einen Sohn: Paula, Dora und Viktor.

Leon Kellner starb 1928 in Wien.

 

Anna Kellner (1862-1941). Leon Kellner heiratete Anna Kellner, geborene Weiss, 1884. Sie hatten drei Kinder: Paula (1885), Dora Sophie (1890) und Viktor (1896). Anna Kellner wollte ursprünglich Lehrerin werden. Sie tippte die Arbeiten ihres Mannes ab, übersetzte, lebte mit ihm eine Zeit lang in London, so 1898. Sie war mit Marianne Hainisch und Michael Hainisch befreundet, mit Richard Beer-Hofmann, Felix Salten, Helene und Elise Richter. 1936 erschien ihre Biografie "Leon Kellner. Sein Leben und sein Werk". Sie übersetzte viel aus dem Englischen, darunter auch Somerset Maugham und Mary Arnim. Sie starb 1941 in Jerusalem.

 

Paula Arnold (1885-1968). Paula Arnold wuchs als Tochter des berühmten Anglisten, Mitarbeiter Theodor Herzls und Redakteurs der “Welt” Leon Kellner in Wien auf. Ihre Schwester Dora heiratete 1917 Walter Benjamin. Paula studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Wien und an der Pädagogischen Hochschule für Mädchen. 1905 promovierte sie (als eine der ersten Frauen) an der Universität Wien, mit einer Dissertation über die Theorie der Lyrik in ihrer englischen Terminologie. Danach unterrichtete sie am Chajesgymnasium Englisch und arbeitete als literarische Übesetzerin - u.a. von W.B.Maxell und John Owen - für den Zsolnay Verlag. Ihrem Vater half sie bei seinen Büchern “Austria of the Austrians” und “Complete Hebrew-English Dictionary”. 1933 zog sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Max Arnold, zu ihrem Bruder Viktor nach Palästina. Die Familie lebte in Benyamina, wo die Familie 1911 ein Grundstück erworben hatte. Die Familie betrieb Landwirtschaft. Ab 1938 kümmerten sie sich um geflüchtete FreundInnen aus Österreich, wie zum Beispiel Max Zweig.

Sie arbeitete als Rezensentin und Feuilletonistin für das MB (Mitteilungsblatt - Irgun Olej Merkaz Eropa), den Manchester Guardian, The Contemporary Review, The Cornhill Magazine, The Jerusalem Post und The Baltimore Sun. 1958 und 1960 übersetzte sie zwei Bücher über die Flora Israels von Seév Berlinger und Brakha Avigad aus dem Hebräischen ins Englische. Sie veröffentlichte auch eigene Berichte und Bücher zur Fauna und Flora Israels.

1959 veröffentlichte sie im “Herzl Yearbook” einen ausführlichen englischsprachigen Aufsatz über ihren Vater. Ihre Erinnerungen blieben unveröffentlicht und befinden sich im Archiv der TKG; ein Auszug erschien 2002 in der Zeitschrift “Zwischenwelt”.

Sie ist 1968 in Israel gestorben.

 

Hannah Arnold (1911-1976). Sie wurde in Wien als Tochter von Paula und Markus Arnold geboren. Sie maturierte am Mädchenrealgymnasium in Wien 8, Albertgasse 38. Nach der Reifeprüfung am 12. Juni 1929, fing sie im Sommersemester 1933 mit ihrem Studium der Medizin an der Universität Wien an.

Hannah Arnold war zuletzt im Sommersemester 1938 an der Medizinischen Fakultät im 7. Studiensemester inskribiert.

Sie musste nach dem "Anschluß" flüchten, konnte in die Schweiz emigrieren und dort an der Universität Zürich am 8. November 1939 ihr Studium abschließen und den akademischen Grad einer "Dr.med." erwerben. (Der Doktorgrad wurde am 7. Oktober 1953 von der Universität Wien nostrifiziert).

Die Medizinstudentin pflegte mit ihrer Mutter Paula Arnold einen Briefkontakt, der bis zum Tod der Mutter 1968 Jahre halten sollte. Die dichte Korrespondenz der Jahre 1938 und 1945 zwischen Hannah Arnold, welche im Sommer 1938 aus Wien in die Schweiz flüchten konnte, und ihrer Mutter in Benyamina, Israel, legen nicht nur Zeugnis ab von der Flucht aus Österreich, vom Leben im Exil, sondern auch vom Diskurs über Politik, Kunst und vor allem Literatur, in einer Familie, die maßgeblich das Wiener Geistesleben geprägt hat.

Der Briefwechsel zwischen Paula Arnold und ihrer Tochter Hannah Arnold setzt ein als Paula Arnold und ihr Mann 1933 nach Palästina auswandern und die Tochter in Wien zurück bleibt. Der Großteil der frühen Briefe aus dem Nachlass datiert von 1937 und 1938. Den größten Raum darin nehmen die Berichte über das Medizinstudium in Wien, die Vermietung der Wohnung und Gesundheitsfragen ein. Doch auch die politischen Umbrüche der Zeit werden natürlich behandelt. Hannah schreibt über Demonstrationen von Nazis in Wien 1938, plant nach Paris auszuwandern und bemüht sich um den Erhalt von Visa. Im Mai 1938 flüchtet sie in die Schweiz nach Zürich.

Dort nimmt sie ihr Medizinstudium wieder auf. Sie hat vor, nach Amerika zu fahren und bis dahin ihr Studium in der Schweiz abzuschließen. Sorgen um die Gesundheit der Mutter, Studienfortschritte, Lektüreerfahrungen und Ausflüge in die Umgebung prägen den Schriftverkehr in dieser Zeit. Die Gefahr einer Ausweitung des Krieges und des drohenden Einmarsches der Nazis beschäftigt Mutter und Tochter. Hannah sorgt sich auch um die Kriegsgefahr in Palästina. Hannah beginnt 1939 ihre Briefe und Postkarten auf Englisch zu verfassen, um für ihr zukünftiges Leben in Amerika bereits zu üben. Auch die geplante Ausreise ihrer Großmutter nach Palästina, den Eltern folgend, ist ein großes Thema, das Hannah immer wieder anspricht. Vor allem aber ist von Arbeitserlaubnis, Praktika in Spitälern und dem Studium die Rede. Aus den Jahren 1941 und 1942 sind keine Briefe erhalten.

Die wieder einsetzende Korrespondenz 1943 führt Hannah Arnold schon von New York aus mit den Eltern in Palästina. Sie schreibt von ihrer Arbeit als Neurologin, vom kulturellen Leben und Ausflügen, aber auch über die Sorge um Bekannte, die nach Polen deportiert wurden. Im Frühjahr 1944 schmieden Mutter und Tochter Pläne für die Zeit nach dem Krieg. Das Vorhaben von Paula sie 1945 in Amerika zu besuchen verzögert sich immer wieder. Seit Sommer 1944 lebt und arbeitet Hannah Arnold nun in Philadelphia und ist dort glücklicher als in New York. Hannah schreibt ihrer Mutter von ihrer Heirat mit Kresimir Juretich. 1946 zieht sie wieder zurück nach New York und plant 1947 Paula in Palästina zu besuchen. Sie berichtet von ihrer Arbeit, Ausflügen und Arbeit in einem Sommercamp als Ärztin. Ab 1947 dominiert die Sorge um die politische Situation in Palästina den Briefverkehr. Die erhaltenen Briefe der Jahre 1948 und 1949 stammen allesamt von Paula Arnold. In ihnen schildert sie vorwiegend den Kriegsverlauf in Israel.

1950 zog Hannah Arnold nach Sarajewo, wo sie an der Neurologie arbeitete. Anfang Jänner 1951 wurde sie verhaftet und wegen Spionage zu vier Jahren Haft verurteilt. Sie kam 1952 aus der Haft und zog in Folge nach Wien.

Nach einer geschiedenen Ehe mit dem zwischenzeitlichen Namenswechsel zu Hannah Juretich und der Nostrifikation ihres Züricher Doktorats ließ sie sich Ende 1953 als Neurologin ("Fachärztin für Nerven- und Geisteskrankheiten") wieder in Wien nieder und ordinierte in Wien 14 Linzerstraße 299/38/8 bzw. später in Wien 14, Molischgasse 19.

Hannah Arnold starb am 19. Oktober 1976 in Wien.