Theodor Kramer Gesellschaft

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Martin Krist

Vorbemerkungen

Im Zentrum dieser Ausgabe der Zwischenwelt steht der 25. Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil 2025, den Hellmut Butterweck und Alexia Weiss zu gleichen Teilen erhalten haben. Wir gratulieren sehr herzlich! Sie finden die Reden der Preisträger:innen sowie die jeweilige Laudatio in dieser Ausgabe. Beide beschäftigten und beschäftigen sich immer wieder mit dem offensichtlich unausrottbaren Antisemitismus, dem alten und dem leider schon wieder oder noch immer neuen.


Anlässe dazu gibt es leider genug. Einer der letzten, der in vielen österreichischen Medien erwähnt, kritisiert, aber meist nur kurz angesprochen wurde, ist das Franz-Dinghofer-Symposium im österreichischen Parlament, einberufen vom Ersten Präsidenten des Nationalrates Walter Rosenkranz. Für Empörung sorgte dabei auch das Datum der Veranstaltung, der 11. November 2025, in unmittelbarer Nähe zu den Gedenktagen des Novemberpogroms am 9. und 10. November. 
Wer war nun dieser heute wohl den meisten Menschen in Österreich völlig unbekannte Franz Dinghofer? Nun, er selbst bezeichnete sich als „radikalen Antisemiten“, wie er 1903 in einer Gemeinderatssitzung in Linz betonte. Bei der Gründung des Deutschen Volksbundes für Oberösterreich 1909 äußerte er sich so: „Diese durch und durch verjudete, wenig vertrauenswürdige Tatarengesellschaft kennt den Nachbarn nur dort, wo sie ihn ausnützen kann.“ Von 1907 bis 1918 war er Linzer Bürgermeister und bezog mit antisemitischen Aussagen immer wieder gegen das „Judentum“ Stellung, ganz so wie in Wien Karl Lueger, der bis 1910 Wiener Bürgermeister war. Dinghofer war von 1911 bis 1918 auch Reichsratsabgeordneter der Deutschen Volkspartei, dabei ab 1914 Klubmitglied in der Deutschvölkischen Vereinigung im Deutschen Nationalverband, ab 1917 Obmann der neugegründeten Deutschnationalen Partei, einer der Vorläuferparteien der Großdeutschen Volkspartei. 1918 fungierte er als einer von drei gleichberechtigten Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung, die am 12. November 1918 von der Parlamentsrampe aus die Republik Deutschösterreich ausriefen, nachdem die Provisorische Nationalversammlung dies beschlossen hatte. Als Befürworter des „Anschlusses“ war er von 1920 bis 1928 im Nationalrat Abgeordneter der antisemitischen und deutschnationalen Großdeutschen Volkspartei. 1922 befürwortete er die Koalition der Großdeutschen mit den Christlichsozialen und war 1926/1927 Vizekanzler im Kabinett Seipel sowie 1927/1928 Justizminister. Neben seiner politischen Tätigkeit war er Mitglied in antisemitischen Vereinen wie dem Deutschen Klub und der 1919 gegründeten Deutschen Gemeinschaft, bei der er auch in leitender Position war. Zweck dieses Geheimbundes war es, jüdische, linke und liberale Personen bei Stellenbesetzungen zu verhindern. Außerdem fungierte er von 1928 bis 1938 als Präsident des Obersten Gerichtshofes, der 1938 von den Nationalsozialisten aufgelassen wurde. Dinghofer ging als fast 65-Jähriger in Pension, blieb aber nicht untätig. 1938 kam es zur „Arisierung“ des börsennotierten oberösterreichischen Bergbauunternehmen Kamig (Österreichische Kaolin- und Montanindustrie), bei der Dinghofer eine maßgebliche Rolle spielte. Die „Verkaufsverhandlungen“ mit dem Aktieninhaber Paul Götzl fanden statt, als sich dieser in Gestapohaft befand. Im Bericht Dinghofers an die NS-Vermögensverkehrsstelle im Mai 1939 schreibt er zur Übernahme des Aktienpakts in einem Aktenvermerk über den Widerstand der Familie Götzl, dass „dieses Hindernis durch die maßgebliche Unterstützung der Gestapo“ beseitigt worden wäre. Weiters erwarb Dinghofer in Bad Ischl eine Villa, dessen Mieter mit Druck der Gestapo hinausbefördert worden war. Auch an einer Enteignung im 2. Wiener Gemeindebezirk soll er beteiligt gewesen sein. Parteipolitisch blieb Dinghofer nach dem „Anschluss“ – wohl kaum überraschend – nicht lange ungebunden, denn am 18. April 1940 beantragte er seine Aufnahme in die NSDAP. Diese wurde ihm bereits am 1. Juli 1940 mit der Mitgliedsnummer 8.450.902 gewährt. Nachdem es nach dem „Anschluss“ zu einem wahren Ansturm um die Parteimitgliedschaft der NSDAP gekommen war, gab es einen Aufnahmestopp. 1940 erhielten nur mehr im nationalsozialistischen Sinne politisch verlässliche Personen nach so einer kurzen Prüfung, wie sie bei Dinghofer stattgefunden hatte, die NSDAP-Mitgliedschaft.
Nach 1945 wurde Dinghofer nicht mit seiner Vergangenheit konfrontiert, und er stirbt unbehelligt 1956 in Wien (beerdigt ist er allerdings in Linz). Nicht unerwähnt soll bleiben, dass in Linz nach wie vor eine Straße nach Franz Dinghofer benannt ist.
Dass die FPÖ und Walter Rosenkranz Dinghofer nun als „Säulenheiligen“ der Republik ehren, mutet einigermaßen verstörend an, passt aber wohl leider zum Narrativ dieser Partei, die ja als Sammelbecken der „Ehemaligen“ gegründet wurde.
Dass sich die Zwischenwelt sowie die Theodor Kramer Gesellschaft klar gegen Antisemitismus und damit auch gegen dieses Symposium positionieren, ist natürlich selbstverständlich.

In dieser Ausgabe der Zwischenwelt finden Sie weiters auch einen Schwerpunkt zum Exil im Österreich der Zwischenkriegszeit. Es handelt sich dabei um eine Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge), die 2023 ihre Jahrestagung diesem Thema widmete. Kuratiert wurde der Schwerpunkt von Christoph Reinprecht und Katrin Sippel.

Und es gibt natürlich wie immer eine Fülle von weiteren Beiträgen, die das breite Spektrum der Zwischenwelt zeigen. Besonders hervorzuheben wäre an dieser Stelle noch die Kooperation mit den manuskripten. So bringen wir in der vorliegenden Ausgabe der Zwischenwelt eine Zitatauswahl aus der Jubiläumsausgabe 250 der Literaturzeitschrift manuskripte, die sich 30 Jahre nach dem Genozid in Srebrenica ganz dem Erinnern, Gedenken und Mahnen widmet.
Mit Gedichten von Valeriy Puzik und Halyna Kruk sowie zwei Rezensionen zu Lesja Ukrajinka und Serhij Zhadan widmen wir uns großen ukrainischen Autor:innen – im vollen Bewusstsein dessen, was die ukrainische Bevölkerung in diesem vierten Winter seit Beginn des russischen Angriffskrieges durchmacht. In der Ukraine entscheidet sich die Zukunft und Sicherheit Europas, die nur bei einer freien und unabhängigen Ukraine gewährleistet ist.

Noch eine Ergänzung zu der Vorbemerkung in der letzten Ausgabe: Inzwischen liegt der Bericht des Innenministeriums zum Polizeieinsatz an der Gedenkstätte Peršmanhof mit etwas Verzögerung vor. Demnach war der Einsatz „rechtswidrig, unverhältnismäßig und fragwürdig“. Ein Beamter wurde daraufhin versetzt, auf weitere Reaktionen sowie auf eine offizielle Entschuldigung des Innenministers wartet man bis heute vergeblich. Ob es noch weitere Maßnahmen geben wird, wer weiß …