Theodor Kramer Gesellschaft

Menü

Editorial

Es sind nun 30 Jahre, dass wir uns mit Autobiographien Exilierter und Überlebenden der Konzentrationslager beschäftigen. Anfang der 1980er Jahre fühlten wir uns mit gewissem Recht als Pioniere, die Neuland betraten, obwohl Berichte und Erinnerungen von Ella Lingens, Carl Zuckmayer, Hermann Langbein, Viktor Frankl und anderen längst zuvor erschienen waren. Und dieses Neuland bestand vielfach aus Texten, die schon viele Jahre zuvor verfasst und unveröffentlicht geblieben waren.
Den Anfang machte Willy Verkauf-Verlons autobiographische Wortcollage „Situationen“, die Verkauf-Verlon ursprünglich „Flaschenpost mit Fragezeichen“ nennen wollte, welcher Titel allzu sehr an einen Schiffbrüchigen auf einsamer Insel gemahnte. Solche einsame Inseln mit verschollenen Werken sollte es fortan nicht mehr geben. Verkauf-Verlons Buch redete von der Zerbrochenheit und Disparität des Flüchtlingsdaseins und versuchte zugleich, den Zusammenhang und mit ihm den Sinn des Lebenslaufes wieder herzustellen.
In bisher unerreichter Form und gedanklicher Schärfe hatte Berthold Viertel die Problematik autobiographischen Schreibens erfasst. Bis zu seinem Tod 1953 mühte er sich, die Fragmente seiner Lebenserinnerungen zu ordnen, zu erweitern, zu vertiefen. In“Kindheit eines Cherub“ (1991) haben wir Viertels unvollendetes Werk, das im Nachlass zerstreut lag, rekonstruiert. Gegen Ende unserer Arbeit entdeckten wir ein spätes Konzept Viertels, das uns bestätigte, der Intention des Autors gefolgt zu sein.
Leo Katz’ Roman „Brennende Dörfer“, entstand zwischen 1938 und l940 in New York, zeigte uns, wie schon Viertels Werk, dass die Erfahrung des Exils auch auf die Darstellung von Kindheit und Jugend zurückwirkt. Die Gefährten von einst erscheinen nun ebenso wie die Stätten, die die Welt des Heranwachsenden waren, von Auslöschung bedroht. Der Autobiograph unternimmt, sie in die Erinnerung zu retten. Wenn das Überlebende des der Verfolgung Entronnenen nicht ein Gang in die Leere oder in eine bloße Anpassung an neue Umstände werden soll, geht es darum, den Konflikten, produktiven Spannungen, Hoffnungen einer verlorenen Welt – in Katz’ Fall der Bukowina – unsentimental die Treue zu wahren.
Mit „Romeks Odyssee“ stellten wir erstmals einen Text vor, der aus dem Englischen übersetzt war und zudem nicht von einem österreichisch-jüdischen Autor stammte. Ray Eichenbaums Erinnerungen kreisen um das Ghetto Lodz und das Schicksal seiner Familie. Die Art, wie er darin seiner von den Nazis ermordeten Schwester Bronia ein Denkmal setzt, hat uns tief berührt.
Mit Bronia stellt Eichenbaum die Frage noch der Gültigkeit menschlichen Daseins unter menschenunwürdigen Bedingungen. Bei diesem und dem folgenden Buch, Bil Spiras „Legende vom Zeichner“, stand uns Vladimir Vertlib bei der behutsamen Überarbeitung der Texte bei.
Mit Claire Felsenburgs Erinnerungen an eine galizianische Flüchtlingsjugend im Wien der Zwischenkriegszeit schlug sich uns ein neues, anderes Kapitel der Geschichte von Verfolgung und Widerstand auf. War es inzwischen einigermaßen zulässig geworden, die Wahrheit über den März 1938 in Wien und über die Konzentrationslager zu sagen, schienen Erinnerungen wie diese nicht zu dem zu gehören, woraus kollektives Gedächtnis sich nähren sollte.
Efriede Jelinek, die Nichte Claire Felsenburgs, schrieb ein Vorwort zu deren Buch, in dem sie Grundsätzliches über Treue und Notwendigkeit des Erinnerns, auch über Generationen hinweg, sagt. Dass Felsenburg, fast 100järig, starb, ehe ihr Buch erschien, konfrontierte uns mit dem Verrinnen der Zeit, der Hast mit der mitunter ein Buch zum Druck freigegeben werden sollte und unseren einigen beschränkten Möglichleiten. Isaak Malachs „Isja, ein Kind des Krieges“ und Nahid Bagheri-Goldschmieds „Chawar“ liegen auf der Linie von Felsenburgs „Flüchtlingskindern“. Sie erinnern an Geschehnisse, die dem offiziellen Gedenken fremd geblieben sind und doch viele Menschen, die unter uns leben, entscheidend geprägt haben – durch Malachs Erzählung von einer russisch-jüdischen Kindheit im Zweiten Weltkrieg, Bagheri-Goldschmieds Roman einer Kindheit und Jugend im Iran am Vorabend der sogenannten Islamischen Revolution. Sie reißen eine Sicht von innen auf Vorgänge auf, von denen wir sonst, wenn überhaupt, nur die allgemeinsten Resultate zur Kenntnis nehmen. Das Exil mag manchenorts als Rechtswohltat gewährten Asyls ermöglicht sein, nicht aber existiert es als Land oder Stadt – es existiert eigentlich nur in und durch die Exilierten selbst. Wenn T. Scarlett Epstein (in „Es gibt einen Weg“) ihre Lebensgeschichte konsequent aus der Ich-Perspektive erzählt und auf auktoriale Einschübe gänzlich verzichtet, drückt sie damit auch das Auf-sichselbst-Zurückgeworfensein der Exilierten aus, die Verwirrungen, Möglichkeiten, Fallen, Bedrohungen, Bewährungen, denen sie sich ausgesetzt sehen. Die Gewissheit einer stets erreichbaren nächsten Zukunft bleibt prekär, wie auch Hans Reichenfelds Autobiographie lehrt.
Manchmal kommt uns das Exil wie eine aufschießende Fontäne komplziert verschlungener Wege vor, und wir wünschten uns, dass die, die diese Wege bahnten und gingen, einander träfen und sich vereinigten, etwa in einem Jerusalem, das Gerda Hoffer und Judith Hübner zur neuen Heimat geworden ist.

Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser