Theodor Kramer Gesellschaft

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Martin Krist
Erschreckendes und Bedenkliches. Vorbemerkungen

Nach den Schwerpunktheften der Zwischenwelt zur belarusischen Literatur, zum Exil in Österreich von 1918–1938 sowie zu Armenien liegt Ihnen diesmal eine Ausgabe ohne Schwerpunkt zu solch wichtigen und oft vernachlässigten Themen vor. Das heißt aber nicht, dass in der Zwischenwelt nicht wieder Themen zur Sprache kommen, die unserer Meinung nach viel breiteren Raum verdient hätten. So beschäftigen sich in dieser Ausgabe etwa Bruno Schernhammer mit der verschwiegenen NS-Euthanasie in seinem Heimatort Vorchdorf, Robert Streibel mit der Anbringung eines Gemäldes in seiner Heimatstadt Krems und Marianne Windsperger in einem Interview mit Wolfgang Schellenbacher mit einer aktuellen Ausstellung im Jüdischen Museum Wien, welche die latente Angst vor Antisemitismus des Holocaustüberlebenden Emmerich Grünwald im Nachkriegsösterreich in Form einer selbst eingerichteten „Fluchtstube“ zeigt.

Leider müssen wir auch heute den ansteigenden Antisemitismus wahrnehmen, der sich vor allem nach dem Massaker und der unfassbaren, sexualisierten Gewalt an vorwiegend jungen Israelis nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 zeigte. Nicht Solidarisierung mit den Opfern, sondern Verherrlichung der Täter (es waren nur männliche Hamasterroristen) war die erschreckende Folge. Alexia Weiss, die vorjährige Theodor-Kramer-Preisträgerin, schreibt darüber. Vor allem die Postings in den sozialen Netzwerken erschrecken dabei. Und auch die diesjährige Preisträgerin, Helene Maimann, geht in ihrem persönlichen, historischen Beitrag auf das Thema ein.

In den Vorbemerkungen in der letzten Zwischenwelt wurde von der drastischen Streichung der Förderung für die „Stolpersteine“ des Vereins Gedenkkultur Graz berichtet, und auch diesmal gibt ein Vorfall aus der Steiermark zu denken. 1943 wurde ein Polizist in Pinggau im heutigen Bezirk Hartberg-Fürstenfeld ermordet, und nun – 2026 – wurde ihm von der Landespolizeidirektion Steiermark ein Gedenkstein gesetzt. Auf dem Rednerpult der Einweihungsfeier stand unter einem Foto, das heutige Polizeibeamt:innen zeigte, zu lesen: „Der Steiermark verbunden. Ihrer Bevölkerung verpflichtet.“ Geflissentlich wird hier ausgeblendet, dass die Polizei 1943 nicht dem Bundesland Steiermark und der Republik Österreich diente, sondern dem NS-Terrorstaat im Reichsgau Steiermark (zu dem auch Teile des heutigen Burgenlands gehörten). Der Fall wurde nie aufgeklärt, als Täter galten „vermutlich“ Zwangsarbeiter aus Polen, Menschen, die gegen ihren Willen ins Deutsche Reich verschleppt und dort zur Sklavenarbeit gezwungen wurden. Wenn also wirklich Zwangsarbeiter die Täter gewesen wären, könnte es dann nicht auch Notwehr gewesen sein? Unsere Republik ist – und leider muss man vielleicht schon bald schreiben: sollte – immer dem Antifaschismus verpflichtet sein, was auch von vielen führenden Politiker:innen bei Gedenkreden betont wird. Sollte man daher nicht besser Polizeibeamte, die im Widerstand waren, ehren? Oder Polizist:innen, die in der Zweiten Republik bei der Ausübung ihres Dienstes das Leben verloren haben? Oder aber ist in dieser Ehrung der politische Wechsel zum FPÖ geführten Bundesland zu sehen? Helmut Konrad, Historiker und früherer Rektor der Universität Graz, meinte diesbezüglich: „Diese Ehrung ist typisch für den politischen Klimawandel und es ist umso wichtiger, dass wir wachsam bleiben und Werte wie die Demokratie schützen.“

Dazu müssen leider Ergebnisse einer neuen Jugendstudie, die von den 14 Pädagogischen Hochschulen Österreichs durchgeführt wurde, angeführt werden. 15.000 Schüler:innen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren wurden dafür befragt. Während bei der vorherigen Studie im Jahr 2020 noch 70 Prozent mit der Demokratie zufrieden waren, sank dieser Wert auf erschreckende 43 Prozent! Zusätzlich gaben 56 Prozent ihre Zusage zur Aussage, dass „eine starke Hand“ Ordnung schaffen sollte!
Ein weiterer Vorfall stimmt nachdenklich. Am Weg zum Akademikerball (dem Nachfolger des Wiener Kooperationsring-Balls der schlagenden Verbindungen) in Wien am 6. März 2026 sah der FPÖ-Politiker und Organisator dieses Balles, Udo Guggenbichler, eine auf das äußere Burgtor projizierte und angemeldete Videoprojektion mit dem Titel „Countdown bis zum Naziball“, die von der jüdischen österreichischen Hochschülerschaft (JöH) veranstaltet wurde. Guggenbichler zückte sein Handy und rief – vermutlich – ihm bekannte Staatsschutzpolizisten an. Daraufhin kam es zum Einsatz des Landesamtes Staatsschutz und Extremismusbekämpfung (LSE) gegen die jüdischen Studierenden. Die friedliche, angemeldete Kundgebung wurde aufgelöst, die Projektion musste beendet werden und die Polizei zog Protestplakate ein. Zusätzlich wurden Identitätsprüfungen durchgeführt und absurderweise Anzeigen wegen „Volksverhetzung“ erstattet. Die daraufhin erfolgte Maßnahmenbeschwerde gegen all diese polizeilichen Maßnahmen gab der JöH in allen Punkten Recht: Alle von der Polizei gesetzten Maßnahmen hätten nicht erfolgen dürfen. Dazu sagte der JöH-Präsident Alon Ishay, wie im Standard vom 15. April 2026 zu lesen ist: „Guggenbichler konnte über persönliche Kontakte zum Staatsschutz binnen Minuten einen rechtswidrigen Polizeieinsatz erwirken. […] Der Staatsschutz sollte uns Jüdinnen und Juden vor Antisemiten schützen – nicht ihnen ausliefern.“

Dieser Polizeieinsatz erinnert an jenen am Peršmanhof vergangenen Juli. Auch dort gab es Identitätsfeststellungen, die nun ebenfalls nach einer Maßnahmenbeschwerde als rechtswidrig erkannt wurden. Auf eine Entschuldigung des zuständigen Innenministers Gerhard Karner warten die Teilnehmer:innen des antifaschistischen Camps am Peršmanhof noch immer …