Theodor Kramer Gesellschaft

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Der 22. Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil wird 2022 zu gleichen Teilen an Meral Şimşek und Gerhard Oberschlick verliehen

Die 1984 gegründete Theodor Kramer Gesellschaft vergibt seit 2001 alljährlich den mit heuer erstmals 10.000 Euro dotierten Theodor Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil. Das Preisgeld wurde im Hinblick auf den 125. Geburtstag Theodor Kramers am 1. Jänner 2022 erhöht.
Die Verleihung findet am Freitag, den 09. September 2022 in Niederhollabrunn statt, in der Hoffnung, dass im Geburtshaus Kramers eine Gedenkstätte für den großen österreichisch-jüdischen Dichter entsteht.
Es werden sowohl die literarische Qualität, als auch die Haltung und das Schicksal der Preisträgerin oder des Preisträgers gewürdigt. Der Preis ist nicht alleine ÖsterreicherInnen und Menschen, die aus Österreich vertrieben wurden, vorbehalten. Auch das Schreiben in deutscher Sprache ist keine Bedingung.
Mit diesem Preis wird in Österreich Literatur gewürdigt, die im Widerstand und im Exil entstanden ist und entsteht. Die Theodor Kramer Gesellschaft will damit zugleich ein Zeichen setzen, dass in Österreich nicht alles in eine Richtung verläuft, dass dies ein Land mit seinem Widerspruch ist und im Widerspruch und Ringen mit sich selbst auch weiterschreitet. In all den Jahren der Zweiten Republik wurden aus Österreich vertriebene Autorinnen und Autoren höchst selten und nur dann mit Preisen bedacht, wenn sie entweder international schon vielfach preisgekrönt waren oder aber ihren Wohnsitz wieder in Österreich auf­geschlagen hatten.

1) Preisbegründung

2) Kurzbiographien der Preisträgerin und des Preisträgers

Meral Şimşek und Gerhard Oberschlick

3) Programm der Veranstaltungen

 

Preisbegründung

Mit dem Theodor Kramer Preis 2022 für Schreiben im Widerstand und Exil werden heuer Meral Şimşek und Gerhard Oberschlick ausgezeichnet.

 

Mit Gerhard Oberschlick ehrt die Theodor Kramer Gesellschaft den jedem Konformismus abholden Philosophen, Publizisten und Essayisten, der sich leidenschaftlich und erfolgreich für die Freiheit der Meinungsäußerung in Österreich eingesetzt hat, die von gewissen Herrschaften mit einer Klagsflut erstickt werden sollte. In seinem Leben ist Oberschlick einen weiten Weg gegangen - bis hin zur Freundschaft und dem Engagement für den Exilphilosophen Günther Anders, dessen Philosophie bei aller Strenge gegenüber den von Menschen verursachten Übeln nicht in Zynismus mündet, sondern in unversöhnte Dissidenz. Mit der Ehrung Oberschlicks als eines Vorkämpfers für Menschenrechte und Demokratie soll auch daran erinnert werden, dass diese schon einmal auf der Kippe stand und aktiver VerteidigerInnen bedarf.

 

Mit Meral Şimşek wird bewusst eine in der Türkei politisch verfolgte Autorin kurdischer Herkunft, die Türkisch schreibt, geehrt, um ihr in ihrer Bedrängnis nach Möglichkeit beizustehen und damit auch einem Aufruf des International P.E.N. zu folgen. Verfasserin eines preisgekrönten lyrischen Werks, dessen Übersetzung vorbereitet wird, rebelliert sie im Gedicht Zeile für Zeile gegen die als schicksalhaft ausgegebenen Mächte, die Unterwerfung einfordern, mobilisiert sie die abrahamitische Überlieferung, die griechische Götterwelt und zoroastrische Mythen für ihren Kampf, als Frau und Angehörige einer unterdrückten Nation ein selbständiges Leben zu führen. Es ist eine Dichtung vielfältiger Kenntnisse, die zugleich das Poetische im Alltag und in den großen Dingen der Natur immer von Neuem entdeckt.

 

Kurzbiographien der Preisträgerin und des Preisträgers

Meral Şimşek. Foto. (c) Meral Şimşek /=>Pressefoto (1,1 MB)

 

Meral Şimşek ist eine türkisch-kurdische Schriftstellerin und Dichterin aus Amed (Diyarbakýr), geb. 1980, und Mutter zweier Kinder. Sie wurde neun Mal international ausgezeichnet, darunter für ihre Gedichtbände Flüchtlingsträume, Wolken im Feuer und Schwarze Feige. 2017 erschien ihr autobiographischer Roman Nar Lekesi (Granatapfelfleck). Sie ist seit 2020 Mitglied des Kurdischen PEN und der Vereinigung Kurdischer SchriftstellerInnen Mesopotamiens.

Ein Jahr nachdem Meral Şimşek in der Türkei entführt und zur Mitarbeit im Geheimdienst zu nötigen versucht wurde, indem man ihr androhte, andernfalls ihr Leben als Autorin zu zerstören, wurde sie am 9. Dezember 2020 in der Provinz Meletî (Malatya) festgenommen, mit einem Ausreiseverbot belegt und im Januar 2021 wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" (Artikel 314/2 des türkischen Strafgesetzbuchs) und „terroristischer Propaganda" (Artikel 7/2 des Anti-Terror-Gesetzes Nr. 3713) angeklagt.

Die Anklageschrift führte ihre Werke an, ihre literarischen Mitgliedschaften, ihr Gedicht für den toten Bruder, ihre vom Englischen PEN ausgezeichnete Kurzgeschichte Arzela, die in der Anthologie Kurdistan + 100 erschienen ist. In dieser Anthologie entwerfen zwölf zeitgenössische kurdische SchriftstellerInnen Szenarien einer Zukunft, in der Kurdin und Kurde zu sein ohne Verfolgung möglich ist. „Und sogar meine Antwort auf die Frage eines Lesers auf einer Veranstaltung in Batman gilt als Straftat. Auf die Frage, warum ich nicht auf Kurdisch schreibe, hatte ich geantwortet, dass ich mich schäme, nicht in meiner Muttersprache schreiben zu können. Das ist in der Anklageschrift aufgeführt. Es ist tragikomisch.“ (Meral Şimşek, ANF News, 18.9.2021).

Meral Şimşek war mit 13 Jahren so schwer sexuell gefoltert worden, dass sie an der Gebärmutter operiert werden musste und an einem Nierenschaden leidet. Sie befindet sich in ärztlicher Behandlung. Ihre Schwester und ihr Bruder sind im Abstand von drei Jahren getötet worden.

Im Juni 2021 flüchtete Meral Şimşek nach Griechenland. Die griechische Polizei griff sie auf, nahm ihr Dokumente und Telefon ab, misshandelte sie, warf sie in der Mitte des Grenzflusses Evros ins Wasser, am Ufer, wohin sich Meral Şimşek, die nicht schwimmen kann, mit Hilfe ihrer Freundin retten konnte, nahm sie das türkische Militär fest. Ihr droht nun weitere Strafverfolgung mit bis zu fünf Jahren Haft wegen Betretens eines militärischen Sperrgebiets. Vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung mit einer Strafandrohung von über zwanzig Jahren wurde sie inzwischen freigesprochen, im Oktober 2021 aber wegen Verbreitung terroristischer Propaganda zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Das Berufungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen.

PEN International ist der Überzeugung, dass Meral Şimşek für ihre Literatur verfolgt wird und hat wiederholt dazu aufgerufen, sich für sie einzusetzen, zuletzt in seinem Aufruf am Internationalen Frauentag 2022.

Kurdistan + 100 erscheint im August 2022 im Verlag commapress.

Meral Şimşeks Lyrik und Prosa ist eindringlich, konkret, schonungslos und trotz allem voller Hoffnung. In ihrem autobiographischen Roman Nar Lekesi erzählt die Autorin von systematischer Verfolgung, Folter und Ermordung, aber auch vom Willen weiterzuleben und weiter zu schreiben.

Weiterführende Links

Podcast ABC Radio National (Meral Şimşek gedolmetscht von Sarah Tallier): https://www.youtube.com/watch?v=isYyPNunOHw

https://themarkaz.org/refugee-dreams-three-poems-by-meral-simsek/

https://www.kedistan.net/2021/12/28/meral-simsek-back/

https://literaryreview.co.uk/gulges-deryaspi-meral-simsek

https://anfdeutsch.com/kultur/Simsek-mein-literarisches-leben-soll-zerstort-werden-29188

https://www.kedistan.net/2022/01/08/conversation-meral-simsek/

https://commapress.co.uk/books/kurdistan-100/

https://pen-kurd.org/

 

Gerhard Oberschlick. Foto. (c) Heribert Corn /=>Pressefoto (4,4 MB)

 

Gerhard Oberschlick, geb. 1942 in Irschen (Kärnten), ist Publizist, war Organisator des Volksbegehrens zur Auflösung des österreichischen Bundesheeres 1970 und letzter Herausgeber der Zeitschrift FORVM. Seit 1992 betreut er den Nachlass von Günther Anders, gab dessen Auseinandersetzung mit Heidegger und die erweiterte Neuausgabe des Romans „Die molussische Katakombe“ heraus.

1969 trat Gerhard Oberschlick in den Verlag und die Redaktion der Zeitschrift NEUES FORVM ein, wo er das von Wilfried Daim initiierte und von Günther Nenning dominierte Volksbegehren zur Auflösung des österreichischen Bundesheeres organisierte. Zwischen 1971 und 1975 Mitorganisator von Friedrich Guldas erstem Musikforum Ossiach, Bruno Kreiskys Symposium „Die Zukunft von Wissenschaft und Technik in Österreich“ und des Symposiums zur österreichischen Energieforschung, redigierte er, teils gemeinsam mit Marietta Torberg, die beiden Symposiumsberichte, bespielte das Metro-Kino u.a. mit dem Happening „Gebrauchsanleitung für die Bühne“ und arbeitete als Dramaturg fürs Cafétheater Dieter Haspels.

1975 kehrte er als Verlagsleiter ins NEUE FORVM zurück, war 1982/83 Blattmacher und von Herbst 1986 bis zur Einstellung 1995 Eigentümer, Herausgeber und Verleger des FORVM. Seine Herausgeberschaft war durch Gesellschaftskritik, Antifaschismus und das Engagement für Menschenrechte geprägt. Gerichtliche Auseinandersetzungen mit einem Generalsekretär der FPÖ und Jörg Haider führten zu Verurteilungen der Republik Österreich durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wegen Verletzung der Meinungsfreiheit und in der Folge – durch die prozessrechtliche Neueinführung der „Erneuerung des Strafverfahrens" – zur Bindung des Obersten Gerichtshofes an Entscheidungen des EGMR, was diesem im Strafrechtsbereich der Europäischen Menschenrechtskonvention die Funktion eines Ersatz-Verfassungsgerichtshofes verlieh.

Seit 1992 betreut Gerhard Oberschlick den Nachlass von Günther Anders. 1995 führte er – gemeinsam mit Freda Meissner-Blau – den Vorsitz des Internationalen Menschenrechts-Tribunals „50 Jahre Zweite Republik – 50 Jahre Unterdrückung von Lesben, Schwulen und Transgender-Personen“ im Republikanischen Club – Neues Österreich in Wien. Seit 2000 redigiert er eine Internetausgabe des FORVM, wo die Beiträge aus dessen 42 Jahrgängen (1954-1995) nach und nach eingepflegt werden und neue Texte in freier Folge erscheinen, darunter sein Essay „Rudolf Burger Austrokopernikus“ wider dessen Propaganda gegen Gedenken.

Weiterführende Links

https://www.falter.at/zeitung/20160719/nenning-war-ein-korrupter-hund

http://forvm.contextxxi.org/nenning-war-ein-korrupter-hund.html

http://forvm.contextxxi.org/ruckkehr-des-verworfenen.html#article

 

Programm der Veranstaltungen

Feierliche Preisverleihung
Freitag, 9. September, 19 Uhr
Pfarrsaal Niederhollabrunn
Kirchenplatz 1, 2004 Niederhollabrunn

Weitere Veranstaltungen:

Literaturhaus Salzburg
Psychosoziales Zentrum ESRA, Wien
Stifter Haus Linz