Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und Exil 2026
Preisträgerin
Helene Maimann
Das Preisgeld beläuft sich auf Euro 8.000,00
Die Verleihung findet am Freitag, dem 4. September 2026 in Niederhollabrunn statt, unweit des Geburtshauses Theodor Kramers.
2) Kurzbiographie der Preisträgerin Helene Maimann
3) Programm der Veranstaltungen
Helene Maimann hat sich seit frühen Jahren mit Exil und Widerstand auseinandergesetzt. Sie kommt aus einem Milieu, dem in der Nachkriegszeit kaum Beachtung geschenkt wurde: den Rückkehrern aus der Emigration.
Ihre Eltern waren jüdische Flüchtlinge, ihr Vater kam als britischer Besatzungssoldat nach Wien zurück. Über das lebenslange Trauma der Eltern, der Verlust fast der ganzen großen Familie in der Schoah, herrschte Schweigen. Es galt, nach vorne zu schauen und auf ein besseres Leben zu hoffen. Helene Maimann ging den Spuren der Eltern bereits in ihrer Dissertation über die österreichische Emigration in Großbritannien nach und schrieb eine Reihe von Essays über die sozialen, kulturellen und sprachlichen Probleme von Widerständigkeit, Verfolgung, Flucht und Exil, aber auch über die Möglichkeiten, die ein stürmisches Leben eröffnen kann. Als Historikerin, Schriftstellerin, Ausstellungs- und Filmemacherin erreichte sie ein breites Publikum und trägt maßgeblich zum heutigen Wissen über das humanistische, kritische und weltoffene „Andere Österreich“ bei. „Helene Maimann ist die scharfsinnige Erzählerin unserer Generation, deren Eltern uns beigebracht haben, den Kopf hochzuhalten und uns mit der Welt auseinanderzusetzen“, schreibt Robert Schindel.
Kurzbiographie der Preisträgerin
Helene Maimann

Helene Maimann wuchs in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Ihre Eltern kehrten aus der Emigration in England und Wales nach Wien zurück. Die Preisträgerin wurde Historikerin und Autorin, später auch Ausstellungsmacherin, Kuratorin und Filmemacherin. 1973 promovierte sie am Institut für Geschichte der Universität Wien mit einer Grundlagenforschung über das österreichische Exil, die unter dem Titel „Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien 1938–1945“ (Böhlau 1975) veröffentlicht wurde. Sie war 1982 einer der Gründerinnen der interdisziplinären „Arbeitsgruppe Frauengeschichte“, bot Lehrveranstaltungen zur Frauengeschichte an und publizierte Essays über Frauen im Widerstand und im Exil. Zwischen 1980 und 1994 war sie Lektorin am Institut für Geschichte der Universität Wien sowie Gastprofessorin an der Universität Salzburg. Von 1975 bis 1990 arbeitete sie für die Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft und war Mitarbeiterin des Instituts für Neuere Geschichte an der Universität Linz.
Beeinflusst von den angloamerikanischen und französischen Schulen des diskursiven Fragens nach der Entstehung von sozialer Wirklichkeit etablierte Helene Maimann für Österreich den Terminus „Alltagsgeschichte“ als interdisziplinäres Forschungsfeld und entwickelte das Berufsfeld der Applied History, der Angewandten Geschichte, die mit einem an der Kultur, den Lebensformen und Interessen der Menschen orientierten Zugang eine neue Form der Darstellung und Vermittlung von Wissenschaft für eine breite Öffentlichkeit eröffnete.
Sie setzte ihre methodologischen Überlegungen in mehreren maßgebenden Ausstellungen zur österreichischen Zeitgeschichte um, die vom Start weg die traditionellen Räume und Fragestellungen verließen. Bereits die ersten beiden Projekte „Mit uns zieht die Neue Zeit. Österreichische Arbeiterkultur 1918–1934“ (1981) und „Die Kälte des Februar. Österreich 1934 –1938“ (1984) fanden in der aufgelassenen Koppreiter-Remise in Wien-Meidling statt und waren ein überraschend großer Erfolg. Maimann und ihr Team, gleich viel Frauen und Männer, junge Historiker und Kulturwissenschaftler, entwickelten mit den Medien Foto, Film, Audio, Diashow, szenische Installationen und dem Einsatz von Computerinformation neue Ausstellungsformate. „Wir wollen was Neues machen“ war das Motto, und der Ausstellungsarchitekt, Harry Glück, ein berühmter Architekt und großzügiger Gentleman, nahm die Herausforderung an. Er baute zusätzlich ein Theater ein, das „Theater in der Remise“, wo jede Woche Performances der jungen Musik- und Theaterszene Wiens vor zahlreichem Publikum präsentiert wurden. Auch die beiden nächsten Gestalter, die Bühnenbildner Georg Resetschnig und Hans Hoffer, zogen mit. 1985 folgte „Der Zug der Zeit. Österreichische Zeitgeschichte 1945 -1985“, der neun Monate lang in mit fünf Wagons durch Österreich fuhr, einer war dem Nachkriegsfilm gewidmet. „Die ersten hundert Jahre. Österreichische Sozialdemokratie 1888 -1988“ (1988) wurde in einem der vier (noch leeren) Gasometer in Wien-Simmering über eine spektakuläre, spiralförmig ansteigende Rampe gebaut. Die Ausstellungen zogen ein großes, neues Publikum an und weckten durch ihre avantgardistische Gestaltung und ihre kritischen Fragestellungen ein breites Interesse. 2005 kuratierte Helene Maimann in der Republik-Ausstellung „Das neue Österreich“ im Oberen Belvedere die Bereiche „Nationalsozialismus“ und „Exil“.
1986 begann Helene Maimann als Radio- und Filmemacherin zu arbeiteten, wechselte 1990 ihren Arbeitsplatz und wurde Redakteurin und (von 1995 bis 2007) Sendungschefin des ORF für die Doku-Sendeformate „Nightwatch“, „Brennpunkt“ und „DOKUmente“ sowie von Sonderproduktionen im Hauptabend. Bis 2016 drehte sie selbst 22 Dokumentarfilme für ORF 2 und 3SAT, darunter ein zweiteiliger, biographisch erzählter Kommentar zum D-Day 1944 („Uncle Sam und Bruder Wanja. Das Erbe der Befreiung Europas“, 1994); eine Wirkungsgeschichte der Vertreibung Sigmund Freuds und der Psychoanalyse („Freuds Welt“, 1999); eine Verlustgeschichte durch die NS-Verfolgung von Kunst, Literatur und Wissenschaft („Ein Stern fällt. Die Joseph Schmidt-Story, 1998; „Der Riss der Zeit“, 2015); das Überleben von jüdisch Verfolgten und Widerständigen („Die Sterne verlöschen nicht“, 2015); österreichische Pionierinnen („Das Jahrhundert der Frauen“, 2000) und biographische Filme über Bruno Kreisky („Politik und Leidenschaft, 2011), Arik Brauer („Eine Jugend in Wien“, 2012) Käthe Leichter („Eine Frau wie diese“, 2016) und ein Film über eine weit verzweigte Familie, ihre dramatische Flucht aus Prag, viele Herkünfte und Mentalitäten (“Die Coudenhove-Kalergis. Europa im Herzen, zuhause in der Welt“, 2018).
Maimanns Radioarbeiten umfassen seit 1986 mehrteilige Features für Ö1 über Krieg, Verfolgung, Exil und Neuanfang („Abschied vom Frieden. Frankreich und Großbritannien 1939–1945“, 1989; „Armenisches Reisetagebuch“, 1990; „Porträt Ernst H. Gombrich“,1989; „Porträt Georg Stefan Troller, 1990); „The Blitz“ (1990); „Im Gespräch“ (Eric Hobsbawn (1989 und 2007) und Amos Oz (2007) sowie „Menschenbilder“ mit Theodor Bikel (2015).
Neben Essays über gespaltene Identitäten und gebrochene Mentalitäten, biographische Porträts sowie Lebens- und Sprachformen von Exil und Widerstand gab Helene Maimann zwei einschlägige Sammelbände heraus, darunter „Österreicher im Exil 1934 bis 1945“ (gemeinsam mit Heinz Lunzer, Bundesverlag 1977) und „Was bleibt. Schreiben im Gedankenjahr“ (Czernin 2005). Eine ungemein interessanter (und aufreibender) Sprung in das frühe 19. Jahrhundert war die Text- und Bildredaktion (und Kommentierung von hunderten Illustrationen) des Prachtbandes „Der Wiener Kongress. Die Erfindung Europas“ (herausgegeben von Thomas Just, Wolfgang Maderthaner und Helene Maimann, Gerold 2014), in dem die Themen Revolution, Krieg, Exil und Vertreibung als Motoren von Wissensproduktion sowie politischer und kultureller Neuordnung Europas von 27 Autoren und Autorinnen beschrieben wurden.
2023 erschien bei Zsolnay Helene Maimanns autobiographische Erzählung „Der leuchtende Stern. Wir Kinder der Überlebenden“, eine Geschichte von Überlebenden der Konzentrationslager, Exil und Résistance, erzählt aus der Perspektive des kommunistischen wie bürgerlichen Milieus und der Freundschaften ihrer Kinder. Ein Special der „Hörbilder“, „Mailuft in Krähwinkel. Wien 1968“ (2018) war der akustische Blueprint für das Kapitel „Transit. Tumult“ über die turbulenten Siebziger Jahre.
Von 2019 bis 2024 arbeitete Helene Maimann mit Fritz Schindlecker und Harald Sicheritz als Dramaturgin und am Drehbuch des Kinofilms „Bruno. Der junge Kreisky“ (Regie: Harald Sicheritz), der im Herbst 2026 seine Premiere in Wien feiert.
Von 1992 bis 1995 war sie Mitglied im Filmbeirat des Ministeriums für Unterricht und Kunst. Sie unterrichtete an der Wiener Filmakademie (Universität für Musik und Darstellende Kunst) „Methoden der Recherche“ (2008 – 2024) und war von 2008 bis 2022 Mitglied des Projektbeirats beim Zukunftsfonds der Republik Österreich.
Sie erhielt für ihre Arbeiten den Victor-Adler-Preis (1981), den Dr.-Karl-Renner-Publizistikpreis (2011), das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (2013), den Käthe Leichter-Staatspreis für Frauenforschung, Geschlechterforschung und Gleichstellung der Arbeitswelt (2017), den Rosa-Jochmann-Preis (2017), den Axel-Corti-Preis (2019) und das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2023).
Feierliche Preisverleihung
Freitag, 4. September 2025, 19 Uhr
Pfarrsaal Niederhollabrunn
Kirchenplatz 1, 2004 Niederhollabrunn
Begrüßung und Einleitung Peter Roessler
Laudatio Ernst Strouhal
Rede der Preisträgerin Helene Maimann
Montag, 5. Oktober 2025, 19:00 Uhr
Literaturhaus Salzburg
Strubergasse 23, 5020 Salzburg
Begrüßung und Einleitung Karl Müller
Vladimir Vertlib im Gespräch mit Helene Maimann
(Informationen zu weiteren Veranstaltungen folgen)


