Theodor Kramer Gesellschaft

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VORBEMERKUNGEN
Kein Geld mehr für Stolpersteine in der Steiermark?

Die Zeitschrift Zwischenwelt und damit die Theodor Kramer Gesellschaft setzen sich seit jeher für verfolgte Schriftsteller:innen, Wissenschaftler:innen und Künstler:innen ein. Wir suchen sie der heutigen und vergangenen Nichtbeachtung und Vergessenheit zu entreißen, ihnen heute und posthum Gehör zu verschaffen. Dies gilt sowohl aus historischer Sicht, vor allem für die Verfolgten des 20. Jahrhunderts – so beginnt diese Ausgabe mit einem Beitrag zu Axl Leskoschek – als auch für die Menschen in unserer heutigen Welt. Deshalb gibt es immer wieder Schwerpunkte in den Ausgaben, so diesmal zur belarusischen Literatur, vor allem zur Exilliteratur dieses in letzter Zeit doch ziemlich aus dem Fokus der Aufmerksamkeit und des Weltgeschehens gerückten Landes samt seiner menschenverachtenden Diktatur. (Die Schreibweise „belarusisch“ ist kein Tippfehler, sondern Absicht. Lesen Sie dazu die Erklärung der Übersetzenden in der Einleitung des von Hanna Jankuta kuratierten Schwerpunkts.)

Am 24. Februar jährte sich der Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zum vierten Mal. Der Zwischenwelt ist es ein großes Anliegen, insbesondere in der Ukraine lebende Autor:innen selbst zu Wort kommen zu lassen. In dieser Ausgabe sind das Anna Gruver und Mychajlo Žaržajlo, deren Gedichte von Alois Woldan übersetzt wurden.

Aber wir gehen auch immer wieder auf aktuelle Ereignisse in Österreich ein, die uns verstören, empören und leider oft Tendenzen zum Autoritären beinhalten. Hier eine kleine, unvollständige Auswahl von Ereignissen seit der letzten Ausgabe der Zwischenwelt:

• Laut einer Market-Umfrage im Auftrag des Standard sehen 22 % der österreichischen Wähler:innen „unter bestimmten Umständen“ eine Diktatur ganz oder teilweise als die bessere Staatsform an. Besonders erschreckend ist dabei, dass diese Einstellung bei den 16- bis 29-Jährigen mit 31 % weit höher als im Durchschnitt ist. Nur bei deklarierten FPÖ-Wähler:innen ist sie noch knapp höher, nämlich bei 32 %.

• In der Steiermark – in der es seit Dezember 2024 eine FPÖ-geführte Landesregierung gibt – streicht das Kulturamt des Landes die Jahresförderung des Vereins Gedenkkultur Graz, der seit 2013 über 300 Stolpersteine nicht nur in Graz, sondern auch in Bruck an der Mur, Kindberg, Frohnleiten, Köflach, Ramsau am Dachstein, Schladming oder in Gasen im Bezirk Weiz verlegt hat. Diese zehn mal zehn Zentimeter großen, in den Gehsteig eingelassenen Steine erinnern in ganz Europa an Menschen, die vom NS-Terrorregime als Verfolgte deportiert und ermordet wurden: Jüdinnen und Juden, Euthanasieopfer, Roma und Sinti, Homosexuelle, Widerstandskämpfer:innen und Zeug:innen Jehovas. Diese Stolpersteine, die vom Künstler Gunter Demnig entworfen werden, erinnern auch daran, dass das NS-Terrorregime seine Taten flächendeckend durchführte, eben auch vor der eigenen Haustüre. Das Kulturamt des Landes Steiermark befindet das nun nicht mehr als wichtig und streicht die 8100 Euro Jahresförderung. (Gestatten Sie mir einen etwas polemischen Vergleich: Der für die Streichung zuständige Landesrat Karlheinz Kornhäusel von der ÖVP bezieht ein monatliches Bruttogehalt von über 17.000 Euro.) Der Verein Gedenkkultur Graz organisiert neben der Recherchetätigkeit zu den Stolpersteinen auch Gedenkspaziergänge, öffentliche Veranstaltungen und Vorträge an Schulen. All dies ist nun gefährdet bzw. nur mehr stark eingeschränkt möglich.

• Das Peršmanhof-Museum ist seit dem umstrittenen und mittlerweile als rechtswidrig eingestuften Polizeieinsatz gegen ein antifaschistisches Bildungscamp mit massiven Diffamierungen konfrontiert. So schreibt jemand unter dem ansonsten anonymen Namen „Fight Antisemitism“ Mails an verschiedene Einrichtungen wie den KZ-Verband, den Verein Gedenkdienst u. a. mit der Behauptung, auf dem Peršmanhof werde der Hamas gehuldigt und massiver Antisemitismus transportiert. Dies ist schon deshalb besonders unsinnig, da der Klub slowenischer Student:innen, der das Bildungscamp organisierte, immer wieder mit den Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH) kooperiert. Des Weiteren wird in einem anonymen Mail, das an den Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser gegangen ist, behauptet, dass es während des letzten Bildungscamps eine Vergewaltigung einer Schweizer Teilnehmerin gegeben hätte. Der Anwalt und Kärntner Slowene Rudi Vouk teilte dazu mit: „Wir sind die Liste aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Camp durchgegangen. Schweizerin ist keine einzige darunter.“
Bezüglich des rechtswidrigen Polizeieinsatzes laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Graz weiter. Wir werden sehen …

• Zuletzt noch etwas Positives: Am Hauptplatz von Laakirchen in Oberösterreich gibt es vor dem Kriegerdenkmal eine 1954 errichtete Stele, die an acht ermordete kommunistische Widerstandskämpfer und einen Zeugen Jehovas erinnert. Der Hauptplatz soll nun umgestaltet, Stele und Kriegerdenkmal hätten im Zuge dessen auf den Friedhof verfrachtet werden sollen. Gegen dieses Verstecken der Stele gab es Widerstand, der vom Mauthausen-Komitee Österreich (MKÖ) und dem Oberösterreichischen Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus getragen wurde. Der Bürgermeister meinte daraufhin, dass diese Verlegung kein Abschieben sei, denn für ihn wäre der Friedhof „ein Kommunikationszentrum, wo sich die Leute treffen.“

Ende Februar wurde nun der Konflikt beigelegt. Vertreter:innen der Opferverbände und der Bürgermeister verständigten sich darauf, dass die Stele im Ortszentrum bleibt. Zwei mögliche Standorte wurden dafür ins Auge gefasst: direkt vor oder gegenüber dem Alten Rathaus.
Martin Krist