Theodor Kramer Gesellschaft

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Konvent der Bücher

Ein Projekt des Vereins zur Förderung und Erforschung der antifaschistischen Literatur

In der Stille oder im Lärm, der Verwandte umgibt, ahnt man heimlich, daß man mit ihnen zusammenhängt, daß sie dazu aber auch noch in ihrem eigenen Zusammenhang sozusagen schwimmen, daß sie umschlossen werden von ihrer Geschichte, jeder von seiner, und die Geschichte ist oft keine schöne Stelle im Gras, die man sich aussuchen kann, um sich niederzusetzen und auszuruhen. […]
Gerade deshalb muß immer wieder zu uns geredet werden, über die Menschen vergangener Zeiten und ihre Wahrheit, die gleichzeitig ihr Leben war. Und am besten ist, wenn diese Menschen selber sprechen, auch wenn sie schon im Abreisen sind.

Elfriede Jelinek: "Das flüchtige Jetzt". In: Claire Felsenburg: Flüchtlingskinder. Wien 2002, 7f

Inhalt

"Konvent der Bücher": Gegen die Einsamkeit der Autobiografien
Redaktion "Konvent der Bücher": Autobiografische Zeugnisse im Zusammenhang
Berthold Viertel: Kindheits-Saga

Veranstaltungen

12.11.2019 ==> BOOK SHOP SINGER
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"Konvent der Bücher"
Gegen die Einsamkeit der Autobiografien

Menschen, die im Faschismus und Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben wurden und Widerstand leisteten, haben uns viele schriftliche Zeugnisse hinterlassen, die fortbestehen, auch wenn sie selber nicht mehr Zeugnis ablegen können. Sie erzählen darin von ihrer Kindheit und Jugend, ihren beruflichen Ambitionen, politischen Plänen, kulturellen Prägungen, und sie erzählen von den vielen, oft so verschiedenen Stationen eines mehrfach durch gewaltsame Brüche aus der Bahn geratenen Lebens.
Wer eine Autobiografie schreibt, tut das mit größter Konzentration und stellt sich seine Fragen selbst. Sie oder er möchte nicht nur den eigenen Kindern und Enkeln etwas über ihre Herkunft erzählen, sondern setzt auch einen Akt bewußten Widerstands - gegen ein Vergessen, das nur den auf Wiederholung blutigen Wahns Sinnenden helfen kann, gegen die Banalisierung des Geschehenen und die Herabwürdigung der Verfolgten, der "Opfer", zu einer bloß ziffernmäßig erfassten Masse.
Vor einem Jahr verkündete der Österreichische Rundfunk den Beginn einer "Neuen Erinnerungskultur". Der Beitrag hob mit der Feststellung an: "73 Jahre nach Kriegsende verändert sich mit dem allmählichen Verlust der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auch das Gedenken an den Holocaust. Die Medien übernehmen das Erinnern ..." Und zwar, wie es wörtlich heißt, durch "Einsatz" neuer Mittel, als da sind "Computerspiele, Onlineplattformen, Apps". Gefilmte Interviews mit ZeitzeugInnen sollen deren Verlust kompensieren.
Mit keinem Wort wird erwähnt, dass die Verfolgten schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, die es in der Tat zu würdigen gilt. Aber in einer Welt, in der alles verfügbar und verwaltbar sein muss, werden die einst Verfolgten nur als Funktionalisierbare benötigt. Als Filmmaterial lassen sie sich leichter in geläufige Schemata einfügen.
Wenn wir einen "Konvent der Bücher" ausrufen, geht es uns um ein Eintreten für die Würde der Verfolgten, geht es uns um die Erschließung eines ungeheuer reichen Bestandes von biografischen Zeugnissen, um einen Zugang zur politischen Aufklärung, der sich den Verfolgten und dem Widerstand verpflichtet weiß.
Wir fangen heuer an, indem wir einige Jugenderinnerungen von später Verfolgten zur Sprache bringen, im Wissen, dass Widerstand, heute wie damals, nicht aus der Pistole geschossen kommt, sondern im Leben eines Menschen immer eine Vorgeschichte hat, ein Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit etwa, das nicht in Zynismus ertränkt worden ist.

Wir wenden uns an alle, die Autobiografien Verfolgter mit Anteilnahme gelesen und für sich entdeckt haben, an die HerausgeberInnen und VerlegerInnen ebenso: Macht mit, veranstaltet Lesungen, schreibt kleine Einführungen in die Texte oder schickt uns Vorschläge - wir fangen heuer mit dem "Konvent der Bücher", der Begegnung der Auotobiografien an und wollen jedes Jahr mit wechselnden Schwerpunkten fortsetzen.

Alexander Emanuely, Konstantin Kaiser, Verena Mermer

Mit Unterstützung der Theodor Kramer Gesellschaft, des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus


Redaktion "Konvent der Bücher"
Autobiografische Zeugnisse im Zusammenhang

Die autobiografischen Zeugnisse von Überlebenden der Konzentrationslager, Exilierten und WiderstandskämpferInnen müssen als ein großer, zusammenhängender literarischer Corpus gesehen werden, der insofern eine neue Periode des Autobiografischen - wenn man so will: eine neue Gattung - darstellt, als dass die AutorInnen mit bislang unerhörten Problemen und Ereignissen konfrontiert sind bzw. waren.
Auf einige zu wenig beachtete Charakteristika und Aspekte autobiografischer Exilliteratur wollen wir hinweisen.
Erstens die doppelsinnige Einsamkeit der AutobiografInnen - sie befinden sich als Schreibende in einer isolierten Position, wissen nichts oder wenig über die gleichzeitigen Bemühungen anderer; erst in einer späteren Phase des Exils intensiviert sich die Verständigung über die im Exil geschaffene Literatur bis hin zu dem New Yorker Projekt eines Kompendiums der Exilliteratur, aus welchem dann Franz Karl Weiskopfs Sammlung "Unter fremden Himmeln"1 entstanden ist. Zugleich aber ist ungewiss, an welche menschliche Gemeinschaft, an welche Instanzen sie sich adressieren können - die Wahrscheinlichkeit, auf sich selbst zurückgeworfen zu bleiben, ist größer als die irgendeiner Resonanz.
Noch im Jahr 1981 betitelte Willy Verkauf-Verlon die erste Fassung seiner Erinnerungen diesem Grundgefühl gemäß mit "Flaschenpost mit Fragezeichen", Botschaft eines Schiffbrüchigen von einer menschenleeren Insel.
Zweitens: Die Autobiografie als Hort der Rettung untergegangener Orte und verlorener Menschen, Rettung in die Erinnerung eines Wien, eines Prag, eines Czernowitz, eines Berlin der Vorkriegszeit, Rettung in die Erinnerung der von den Nazis ermordeten oder zu Tode gequälten Eltern, Verwandten - nicht in ihrem Tod werden sie gewürdigt, sondern in ihrer Lebendigkeit, ihrer Güte, Fürsorge, Ungeduld, ihren Hoffnungen. Doch dieses Bedürfnis der Rettung ist nicht auf Familiarität beschränkt. Z.B. in Fred Wanders "Siebenten Brunnen"2 ist die Vergegenwärtigung der Geistigkeit, der Lebensweisheit und des Philosophierens von Mitgefangenen zentral. Als ein Rettender sieht sich der Autobiograf jedoch in eine Umgebung eingekapselt, die aufgrund des Genozids keine Verbindung mehr zu dem von ihm Erinnerten aufweist; allerdings besteht in einer kurzen Periode nach 1945 zumindest die Illusion, ein solches Kontinuum wieder herstellen zu können.3
Drittens: AutobiografInnen kämpfen in ihren Aufzeichnungen gegen Wahnsinn des Weltzustandes und Irrsinn der Köpfe. Das klassische Beispiel dafür sind die als Folge von Essays konzipierten "Unmeisterlichen Wanderjahre" Jean Amérys4, die das Streben des Autors nach einer Vernünftigkeit dramatisieren, die weder bloß selbstzufriedene Tugend angesichts des unabwendlichen Weltlaufs, noch ein naives Vertrauen in die Vernünftigkeit alles Wirklichen voraussetzt. Die Welt bleibt nach der "Endlösung" eine im Grunde unbegreifliche, doch darum nicht unveränderliche.
Viertens ist die spezifische Perspektive jüdischer Verfolgter zu beachten, die ein Berthold Viertel in "Kindheit eines Cherub – Autobiographische Fragmente" zu gewinnen versucht.


Berthold Viertel
Kindheits-Saga
Aus "Kindheit eines Cherub – Autobiographische Fragmente"

Wir alle beginnen so früh mit unseren "Sagas" – und wir dichten so viele davon, je nach Bedarf (jeder Mensch sein eigener Haus- und Hof-Dichter): dass es wirklich schwer ist, nach Jahr und Tag Ordnung in dieses Chaos zu bringen. – Alle diese Geschichten, mit dem Ich als Helden, die jeder Mensch sich verfasst, so viele Rollen sich auf den Leib schreibend: jeder Mensch schleppt sie mit sich herum, ganze höchst ungeordnete und unausgelüftete – Bibliotheken davon. Dieses sind die wahren Privat-Bibliotheken. Jeder Mensch verschließt in sich sein eigenes Byzanz, Alexandria und Padua, sein British Museum mit der gestohlenen Akropolis. – Selten die Menschen, welche diese ihre inneren Bibliotheken in Gebrauch nehmen und behalten gelernt haben. –
Man wird hineingeboren in etwas, das man erst später erkennen, erleiden und definieren wird. –
Das also war Wien, im Jahre 1885 der europäischen Zeitrechnung. Ich wurde dort und dann geboren, in die Welt befördert, aber ich war nicht dabei. Mein Vater und meine Mutter waren dabei, ein Arzt, eine Hebamme – und viele Väter und Mütter, von denen ich herkomme, die sich aber ins Dunkel verlieren. Es war schwierig, etwas von ihnen zu erfahren. Sie waren Juden, sie kamen zunächst aus Galizien, dem damals österreichischen Teil Polens. Der Name der Familie ist ein verstümmeltes deutsches Wort, das auf eine Stadt in Deutschland hinweist, die im Mittelalter eine berühmte jüdische Gemeinde beherbergte. So mögen meine Väter sich durch das deutsche Mittelalter durchgezwängt, durchgekämpft und durchgelitten haben. Noch nachträglich eine erschütternde, eine herzzermarternde Perspektive! –
Die Herkunft eines Juden ist meistens von undurchdringlichem Dunkel erfüllt. Diese wahrhaft ägyptische Finsternis pflegt schon bei der dritten Generation nach rückwärts zu beginnen. Die ausmerzende Hand der Diaspora hat die Lebenslinien dieser Familien vernichtet. Der Fluch: "In der Zerstreuung sollst du leben!" – ist oft vom Schicksal schrecklich ernst und wörtlich genommen worden. Und welchen Grad von innerer  und äußerer Zerstreutheit erreicht oft solch ein Mensch, der der Sohn ist, der Sohn von alledem, Sohn des Ghettos, Sohn der Vertreibung, der Wanderung, der immer neuen Ankunft in unerforschten und vielleicht ewig unerforschbaren Gegenden, wo der Sprachgeist fremder Völker wie jener Engel mit dem flammenden Schwerte abwehrend vor dem Paradiese einer Heimat steht. –
Es ist kein Jude geboren, dessen Väter und Vorväter nicht das Brot der Verfolgung gebrochen und wieder ausgebrochen haben – Verfolgung um der Verfolgung willen, mit zu diesem Zweck herangebrachten Gründen.
Es ist merkwürdig genug: Man kann oft von der Vorgeschichte eines jüdischen Menschen so wenig Bestimmtes sagen, aber einiges ganz bestimmt. Er ist Jude, also ist er aus der Geschichte herausgeworfen – und doch, auf schwierigen Wegen in die Geschichte wieder hereingebracht.
Was immer das sein mag: Judentum – : Zugehörigkeit zu einer Rasse, einem Volk oder Reste davon, Reste einer Religionsgemeinschaft, einer geistigen Prägung, die durch und durch gegangen  ist: jedenfalls, dieses Etwas ist – posthistorisch. Es hat Historie gehabt, ein Land (um es zu verlieren), Priester, Könige, einen eigenen Gott und dessen Gebote und Gesetze. Die Geschichte der Juden schein zum größten Teil die Geschichte eines Gottes (oder Götzen) zu sein, Geschichte eines Bekenntnisses und von dessen Folgen. Ob, was aus Ägypten auswanderte, vielleicht nichts anderes gewesen ist als ein Abhub von Völkern und Rassen, ein Gemisch und Gemengsel, eine proletarische Masse von Pyramidenbauern, eine "Notgemeinschaft" schon damals – : jedenfalls, unter dem Sinai-Gesetz hat sich das Volk konstituiert, als ein Volk im historischen Sinne. Es ist nicht wichtig für den Nachkommen, hier Legende von beweisbarer Wirklichkeit zu sondern. Dieses Bekenntnis, dieser Gott mag der Sohn oder Vetter anderer Götter sein. Und seine Geschichte mag nachträglich in Linie gebracht worden sein, von den geistig entschlossenen Männern, etwa in der babylonischen Gefangenschaft. Die Lehre selbst ist, wie man weiß, eine Mischung von Legende, Chronik der Zeiten, Lehre und Dichtung, zuerst einmal zusammengefaßt und – geleimt zu einem Buche, das historisch bestimmt war, "Buch der Bücher" zu werden, Sämerei europäischer Kulturen, die mit dem Judentum nichts Weiteres und nichts Näheres zu schaffen haben wollen. Man könnte sogar sagen: die Geschichte der Juden ist die Geschichte eines Buches, die Geschichte dieses Buches zunächst. (Wahrscheinlich ist das auch, oft genug, gesagt worden.)
Aber, jedenfalls, Teil der Geschichte ist das alles, gewisse (wenn auch vieldeutige) historische Bedeutung. Nur wollte es schon dem Knaben (den ich erinnern will) vorkommen, als wäre alles Jüdische von Anfang an nur mit einem Fuße in dem gestanden, was man Geschichte nennt. Daß das so war, oder gewesen sein könnte, gehörte zur Saga dieses Knaben. – (Ich nenne es willkürlicher Weise "Saga", mit einem nordischen Ausdruck, den an sich der Teufel holen möge, weil er oft genug von falschen Lehrern, Wasser trübenden Mythologen mißbraucht worden ist. Gemeint ist jene Legenden- und Märchenbildung um das Ich herum, die in der dunkelsten Kindheit beginnt, den Keim jeder Seele und die Schöpfung  jeder inneren Kontinuität, jeder inneren Lebensgeschichte – und das ist jeder individuellen Lebensgeschichte – ausgemacht.) […]
Es ist schwer, vierzig Jahre später zu den Wurzeln einer Kinderseele zurückzukehren. Besonders schwer, wenn das sich selbst dichtende Ich soviele Wälder und Gärten über diesen Wurzeln aufgebaut hat, wenn soviele dieser inneren Landschaften durch Katastrophen zugrundegegangen sind. Das Ich hat so triftige Gründe, zu vergessen und sich falsch zu erinnern. Falsch, weil um- und umdichtend. Der ernsthafte Versuch, die innere Kontinuität ein Leben lang zu erhalten, ist an sich ein heroischer, und keiner kann da restlos wählerisch in den Mitteln und Methoden sein, keiner, der lebendig, das heißt: ohne Aufgeben der "Logik" – zu entrinnen wünscht. Die Logik, die ich hier meine, ist allerdings Märchen-Logik. Die innere Kontinuität, der lebendige Zusammenhang der Erlebnisse, welche die Erinnerung lebendig erhält, ist, was ich "Idealität" nennen würde. Da ich deutsch und humanistisch geschult bin. Man mißt die Tatsachen an dem Ideal, das man von sich selbst hat, und biegt sie sich zurecht. Es gilt da Biegen und Brechen. Wer dieses biegende "Man" ist, das am Biegen zu zerbrechen in Gefahr ist, darüber streiten sich die Psychoanalytiker. Aber sie haben es, die Psychoanalytiker, wesentlich leichter als der Psycho-Synthetiker, der jeder Mensch ist, und, auf Gedeih und Verderb, zu sein hat. […]
Ich wollte, ich wäre dieser Knabe wieder, um seines Umgangs mit den jüdischen Propheten willen. Er kannte sie alle, er unterschied ihre Gesichter, ihre Bärte, ihren Stil, ihr Schicksal, die Merkmale ihrer Innerlichkeit: Natürlich zählte er sich zu ihnen, glaubte – mit bangen Zweifeln – einer von ihnen zu sein. Das war sein frühestes Geheimnis. Gott hatte auch ihn berufen, glaubt er oft. Und in langen Nächten legte er brennende Rechenschaft ab. Diese Nächte, eine nach der anderen, waren ein endloses Zwiegespräch mit dem unsichtbaren Partner, mit ihm, von dem man sich kein Bild machen darf und nie eines machen durfte, weshalb er sich rein erhalten hat. Denn er ist nichts als der Brennpunkt der Seele, das Ziel, wohin die Wünsche und Ängste sich wenden, der Ort aller Bedenken, aber auch aller Weisungen und Befehle. Er ist nicht der brennende Dornbusch und nicht die zürnende Wolke. Das alles sind nur seine Zeichen und Merkmale, die Blindensprache, die er den Menschen gegenüber (deren Sehen ja nur eine Form Blindheit, eine Blendung durch die Dinge ist) gebrauchen muß. Aber er ist keine Abstraktion, kein Gespenst und Schemen, kein Gedankengerüst – denn er ist die leidenschaftliche Zuwendung zu ihm, dem oft so leidenschaftlich Abgewendeten. Nur leidenschaftliche Seelen können mit ihm umgehen. Und nur wer die Wüste kennt, weiß, wo auf Erden er zuerst "erschienen" ist.

Aus: Berthold Viertel: Kindheit eines Cherub. Autobiographische Fragmente. Studienausgabe Band 2. Wien 1991, 15-18.